Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

3431 Die verschiedenen Arten der Arbeitslosen. 388 
wir dürfen nicht vergessen, daß unter den am frühesten Entlassenen die Älteren und 
Kränklichsten sind, daß oft die teuren Männer entlafsen und durch billige Frauen und 
unge Leute ersetzt werden. Immer bleibt es richtig, daß viele Arbeitslose der tiefsten 
Staffel ihres Standes angehören. Alle bloßen Gelegenheitsarbeiter der Großstädte gehören 
hierher; sie arbeiten auch bei guter Zeit nur dann und wann, sind häufig dem Trunk 
und anderen Lastern ergeben. Erfahrene Männer sagen vom Londoner Kast-End: „Das 
Wirtshaus liegt auf dem Wege zur Arbeitslosigkeit“. Ein Teil dieser auf der Grenze 
der Arbeitsfähigkeit und der Arbeitsscheu Stehenden, halb schon dem Verbrechen Auheim— 
gefallenen mag zu Grunde gehen, in Zwangsarbeits- und Zuchthäuser kommen. Aber 
es ist im Auge zu behalten, daß die Unternehmungen, die seit Jahren aus Gewinnsucht 
aur solche Gelegenheitsarbeiter auf Stunden oder Tage beschäftigen, eine Mitverani— 
wortung für diese Zustände tragen, ebenso wie unfere öffentlichen Einrichtungen, die 
eine solche Klasse an Zahl so zunehmen ließen. Auch ist nicht zu verkennen, daß ein 
Teil dieser Leute durch richtige Maßregeln noch gehoben werden kann, am meisten 
durch regelmäßige Arbeitsgewöhnung und »gelegenheit. 
d) Die oben erwähnten örtlichen und geographischen Unterschiede der 
Arbeitslosigkeit bei sonst im ganzen ähnlichen volkswirtschaftlichen Bedingungen deuten 
darauf hin, daß nicht bloß allgemeine Ursachen (Krisen, Übergang zu neuer Technik u.s. w.), 
sondern auch viele specielle, vielleicht zu beseitigende, mitwirken. Schon die räum— 
liche Verteilung der Arbeitslosen weist darauf hin. Wir sehen, daß die deutschen 
Broßstädte Dezember 1895 7,4 0/0, ganz Deutschland 4,7 8/0 aller Arbeiter (Olden— 
berg) als Arbeitslose zählten; London und Neuyork haben noch größere Massen 
als andere Groß- und Hafenstädte. Die Landflucht hat ganze Gegenden entvölkert, es 
stehen da Hunderte, ja in Ostpreußen Tausende von Arbeiterwohnungen leer, während 
die Großstädte ihre Arbeitslosen nicht beschäftigen können. Gewiß hängt das mit einem 
berechtigten Lohnausgleichungsprozeß zusammen; aber es fragt sich doch, liegen nicht 
teilweise falsche Wanderungen vor; auch wenn man nicht die Genüsse und die Un— 
gebundenheit der großen Städte als Anziehungspunkt betonen will, schon die Hoffnung 
auf den größeren Arbeitsmarkt der Stadt zieht viel mehr Leute an, als er dann be— 
schäftigen kann, wie K. Möller das nachwies. Man wird nicht durch eine falsche Auf⸗ 
hebung der Freizügigkeit helfen wollen, aber man wird sagen: hier ist Angebot und 
Pachfrage nicht richtig ausgeglichen; Arbeitsnachweis und andere Mittel müssen helfen. 
Selbst der radikale englische Ärbeitersührer Burns ruft: „Die Einwanderung vom Lande 
nach den Städten muß zum Stehen kommen.“ Er erhofft dies von ländlicher Koloni— 
sation, demokratischer Landgemeindeordnung, Arbeitsnachweis und Ahnlichem; er warnt 
vor Arbeiterkolonien, vor Schaffung von flädtischen Winterwerkstätten. 
J e) Ein erheblicher, vielleicht der größere Teil der heutigen Arbeitslosigkeit geht auf 
die sogenannte Saisonarbeit, d. h. auf den Umstand zuͤruck, daß viele Berufe in— 
olge des Klimas, der Jahreszeit, der bloß zeitweisen Nachfrage, der Organisation des Ab⸗ 
satzes nur periodisch in bestimmien Monaten ihre Arbeiter brauchen, für die übrige Zeit 
des Jahres sie enilassen. Eine solche Gepflogenheit ist teilweise sehr alt. Die Schiffahrt 
hat früher im Winter stets geruht; Erd-, Steinbruch-, Bauarbeiter haben immer im 
kaͤlteren Klima große Pausen machen müssen. Aber man fsand sich früher damit besser 
durch Verbindung verschiedener Verufe ab; der Schiffer war zugleich Kleinbauer an der 
düste; die Bau-⸗ und Erdarbeiter der Städte wohnten in den benachbarten Dörfern, fällten 
Holz im Winter, hatten allerlei Hausarbeit und ihre kleine Ackerwirtschaft. Mit Spinnen, 
Weben und anderer ähnlicher Arbeit waren alle kleinen Leute in der toten Saison 
zu beschäftigen. Die Gutsherren hatten im ganzen Winter und Sommer die gleiche 
Instenzahl, im Winter ließ man dreschen, Gräben ziehen oder ließ auch die Leute sich 
hinter den Ofen legen. Heute ist das alles wesentlich anders geworden; die haus⸗ 
industrielle Fuͤllarbeit wie die kleine agrarische Eigenwirtschaft ist im Rückgang; statt 
Insten hält man Wanderarbeiter für einige Monate; der Winterhanddrusch ist durch 
die Maschine ersetzt. Eine steigende Zahl von Bauarbeitern in den Großstädten geht 
m Winter nicht mehr so wie früher aufs Land. Alle Moden, Konfeltions⸗ Schneidet⸗ 
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslebre. II. 1.-6. Aufl. 28
	        
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