386 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [844
arbeit, vielerlei Gewerbethätigkeit für Weihnachten haben die Unternehmer und Händler,
um rasch das Neueste zu bringen, auf bestimmte Monate zusammengedrängt. Die Vor⸗
stellung der Unternehmer von einer Pflicht dauernder Beschäftigung ihrer Leute ist um
so mehr im Verblaffen, je mehr die Gewinnfucht und die Konkurrenz gestiegen ist,
e mehr falsche theoretische Harmonievorstellungen das wirtschaftliche Getriebe rück—
haltlos dem Egoismus der einzelnen gänzlich zu überlassen für berechtigt erklärten.
Zurns sagt: „Das bestehende System der Produktion um des Profites willen hat alle
Beschäftigung in die Hände einer Klasse gelegt, welche die Arbeitsstellen ohne Rücksicht
auf die socialen Konsequenzen für die Gemeinschaft und die Arbeiter öffnet und schließt.“
Um zu zeigen, welche Rolle die Saisonwechsel für die Arbeitslosigkeit spielen,
führe ich an, daß in Deutschland die gesamten gesunden Arbeitslosen 1. Juni 1895
179 004, 2. Sezember 1895 5583 640 ausmachten, daß aber von ihnen auf die wenigen
durch die Saison hauptsächlich beeinflußten Gewerbe an diesen beiden verschiedenen
Terminen fielen:
im Juni
auf die Landwirtschaft 17 150
Ziegelei .. 708
Baugeschäfte. . 6107
Maurer..6023
Kellne 0
Zus. 35 036
im Dezember
153 139
13078
21 048
79 918
11818
278991
Es find im Winter also etwa die Hälfte der gesunden Arbeitslosen, die nicht durch
Krisen, nicht durch Veränderung der Technik und der Betriebsform brotlos werden,
sondern durch die ünvollkommenẽ Organisation der Geschäfte in Bezug auf die Arbeits—
berteilung auf die verschiedenen Teile des Jahres. Auch was wir aus der deutschen und
zsterreichischen Krankenkassenstatistik darüber erfahren, wie die Zahl der versicherten Arbeiter
zwischen dein Höhepunkt im Herbst und dem Tiefpunkt von Januar bis März schwankt,
weist darauf hin, daß diese Wechsel wesentlich mit der Saisonarbeit zusammenhängen.
And man wird nicht zu viel behaupten, wenn man sagt, ein großer Teil dieser ver—
schiedenen Beschäftigung sei Folge gewisser Sitten und Unsitten, gewisser Traditionen und
Absatzgepflogenheiten, könne auch da, wo die Natur zum starken Wechsel nötigt, durch
geschicktere sociale Einrichtungen beseitigt werden. Wir kommen darauf nachher zurüd.
Wir fragen jeht, was kann gegen' das ganze Übel der Arbeitslosfigkeit
geschehen?
1) Zunächst kann und muß in den Kulturstaaten die bestehende Arm enverwal⸗—
tung mit ihrer Hülfe eintreten, und sie thut es auch; in den Zeiten zunehmender Arbeits⸗
lofigkeit wachsen ihre Ausgaben sehr bedeutend. Aber sie darf zunächst nur die unter—
stützen, welche einen Rechtsanspruch darauf haben, also in Deutschland die, welche durch
weijährigen Aufenthalt den Unterstützungswohnsitz erworben haben. Ihre Hauptaufgabe
ist, die Kranken, Alten, Witwen und Waisen vor Hunger und Not zu schützen. Gegen⸗
über den erwachsenen Arbeitsfähigen, die keine Arbeit finden, hat sie stets einen schweren
Stand gehabt, wenn sie ihnen nur Unterstützung gegen Arbeitsleistung geben wollte;
doch waͤr es früher durch Beschaffung von Heimarbeit noch leichter. Es ist jetzt am
chesten noch im Armenhaus möglich, das für entsprechende Beschäftigung der hier Unter⸗
gebrachten ja Einrichtungen haben muß. Aber schon in guter Zeit kann die Verwal⸗
dung nur einen mäßigen Teil der Arbeitsfähigen dort aufnehmen (vgl. oben II S.880 ff.).
Weun die Arbeitslofen in der Krisis stark anwachsen, wird es vollends unmöglich. Da
bleiben nur Rotstandsarbeiten übrig, welche dann besser von besonderen Gemeindeorganen
übernommen werden, schon um die“ Etats der Armenverwaltung nicht ganz über den
Haufen zu werfen. Auch wollen die Arbeiter, die etwas auf sich halten, Notstands⸗
aͤrbeit nicht von der Armenverwaltung erhalten, um ihr Wahlrecht nicht zu verlieren,
um nicht als Armenunterstützte für entehrt zu gelten.
Die in Deutschland und anderwärts seit 1884 geschaffenen Naturalverpflegungs—
tatibnen caTsso s 19057 I8398 nur noch 1150) suchen wandernden Arbeitern