Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

845) Mittel gegen Arbeitslosigkeit: Armenpflege, Arbeitsverschiebung. 387 
möglichst gegen Arbeit Naturalverpflegung für kurze Zeit zu geben; sie sind mehr eine In— 
stitution der Armenpflege als der Arbeitsbeschaffung. Auch die Arbeiterkolonien, die einst 
in Holland entstanden, um durch Landarbeit Arbeitsscheue wieder zu ordentlichen Menschen 
zu machen und zugleich unwirtliche Gebiete zu kolonisieren, haben, durch Pfarrer von 
Bodelschwingh 1882 nach Deutschland verpflanzt, hier zwar manches Gute gewirkt, aber 
die 29 (18098) bestehenden derartigen Kolonien mit ihren 8253 Plätzen wollen wesent— 
lich nur gebrochene Existenzen retten; 8/4 ihrer Leute sind früher Bestrafte; die größere 
Zahl kehrt, als gebessert entlassen, nach einigen Monaten in die Kolonie zurück. Sie 
können einzelne Arbeitslose wohl gelegentlich aufnehmen; gegenüber größeren Notständen 
find sie machtlos. Ahnlich verhält es sich mit der Assistance par le travail, wie sie die 
Privatwohlthätigkeit in Frankreich neuerdings mit einem gewissen Erfolg organsierte, 
und mit den Asylen, Kolonien und Werkstätten der Salvation army in England und 
den Vereinigten Staaten. 
Bleibt alles Derartige ein kleines Palliativmittel für die äußerste Not, so ist die 
Grundfrage natürlich die: kann nicht die Volkswirtschaft befser organifiert, kann 
aicht durch große organische Maßregeln eine gleichmäßigere Rachfrage nach Arbeit geschaffen 
werden? Der Socialismus verspricht es; seine planmäßige Regelung der Produktion 
soll die Arbeitslosigkeit verbannen. Es ist die Frage, ob das überhaupt möglich ist; 
wir kommen auf das allgemeine Problem bei der Krisenlehre zurück. Die großen Wechset 
der Technik, des Welthandels, der Bevölkerungsbewegung werden wohl stets bleiben. 
Und jedenfalls ist in absehbarer Zeit auf eine solche Regelung der Volks- und Welt— 
wirtschaft nicht zu hoffen; sie schlösse wohl auch eine solche Vernichtung oder Ein— 
schränkung der persönlichen Freiheit ein, daß fie den heutigen Menschen unerträglich 
würde. Aber deswegen brauchen wir nicht so, wie es 1880 —1890 in den meisten Kultur— 
staaten üblich war, die großen wirtschaftlichen Bewegungen sich ganz selbst zu über— 
lassen, auf alle Eingriffe der Wirtschaftspolitik zu verzichten. In jenen Tagen haben 
die Regierungen die Haufsebewegungen mitgemacht und gesteigert (z. B. in Deutschland 
1870— 1873) und nachher in der Zeit der Stockung ebenso, wie die Privatindustrien, 
ihre Bauten, ihre Bestellungen eingeschränkt (auch in Deutschland 1873 -1879). Wie 
hat man allein in den meisten Staaten 1868 — 1878 den Eisenbahnbau maßlos über— 
trieben und dann wieder 1874 — 1879 eingeschränkt! Heute beginnt allgemein die Einsicht 
zu tagen, daß die Wirtschaftspolitik zwar die Krisen nicht deschwören, aber immerhin 
wesentlich einschränken könne. Man verlangt jetzt mit Recht, daß die Handels-, die 
Bevölkerungs-, die Ein- und Auswanderungspolitik, die Verkehrs- und Bankpolitik, die 
Verteilung der großen öffentlichen Bauten und Unternehmungen auf verschiedene Zeiten, 
zauptsächlich auch mit Ruücksicht auf den Stand des Arbeitsmarktes eingerichtet werde. 
Wenn zugleich die Provinzen, Kreise, Kommunen alle ihre Aufträge so einrichten, daß sie 
in Zeiten des Überangebotes von Arbeit vermehrt, in Zeiten des Arbeitsmangels vermindert 
werden, und wenn zugleich die ganze Staatsverwaltung, wie jetzt schon die Marine- und 
Eisenbahnverwaltung. trotz aller Etatsschwierigkeiten nach ähnlichem Ziele strebt, so kann 
dadurch sehr viel gebessert werden. In einer Anzahl deutscher Städte hat man mit der 
„Verschiebung“ der an sich geplanten Bauten, Massenanlagen u. s. w. vom Sommer auf 
den Winter begonnen und damit das günstige Rejultat erzielt, daß in diesen Städten 
leine sogenannten Notstandsarbeitlen im letzten Winter (1901,02) nötig wurden. Vor 
allen eigentlichen und direkten Notstandsarbeiten hat eine solche voraussehende Ordnung, 
Verschiebung, Einteilung aller öffentlichen Nachfrage in Bezug auf den Arbeilsmarit 
den großen Vorzug, daß es sich einerseits um notwendige heilsame Zwecke, andererseits 
um Arbeitsverschaffung in der gewöhnlichen Form der Unternehmung, des Arbeits— 
vertrages u. s. w. handelt. Es' scheint wohl möglich, daß eine solche Arbeits, 
verschiebung“ (wie sie Flesch nennt), nach und nach die Krisen erheblich mildern, 
einen großen Teil der periodischen Arbeitslosigkeit beseitigen kann. 
Soweit das zunächst nicht möglich ist, werden allerdings die Kommunen, eventuell 
die Kreise und Provinzen, ja der Staal in den Epochen größerer Arbeitslosigkeit so— 
fortige Notstandsarbeiten einrichten müssen, wobei nicht der ausgeführte Zweck der 
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