Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

392 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [850 
band der deutschen Arbeitsamter bildete sich 1898 und hält jetzt jührlich Konferenzen 
ab, wirkt auf einheitliche Statistik hin. Da und dort haben sich die örtlichen Gewerk— 
schaftskartelle beteiligt. Die besondere Organisation des landwirtschaftlichen Arbeiter— 
nachweises durch die Landwirtschaftskammern hat sich in Wiesbaden, Hamburg, Liegnitz, 
bereits mit den dortigen städtischen Amtern verständigt. Auch sonst, z. B. in München, 
jucht man die passenden (z. B. die neu zugewanderten) Leute auf dem Lande unterzubringen, 
dem übermäßigen Zuströmen nach den Städten entgegen zu wirken. Es existieren 
jetzt schon (Januar 1902) allein in Preußen 222 kommungale oder von der Koͤnmune 
unterstützte Amter, im übrigen Deutschland wohl noch mehr. Jastrow giebt für 
1901 von 94 Nachweisen eine Statiftik, wonach auf 837 664 Stellensuchende und 
511271 Stellenanbietende 866474 Stellenbesetzungen kamen. Es ist erst ein Anfang; 
noch find viele Amter nicht thätig genug, viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer miß 
trauisch. Aber wenn die Bewegung in den nächsten Jahren so fortgeht, kann in 
10 Jahren die zehnfache Zahl erreicht sein; dann wird auch das centrale nationale 
Arbeitsamt die Verbände, ihr Angebot und ihre Nachfrage zum großen Ausgleich 
zwischen Provinzen und Berufen zusammenfassen können. 
Die Resultate werden allgemein gerühmt; auch das Gesinde, die weiblichen Kräfte, 
die gelernten Arbeiter kommen. Wo krüchtige, unparteiische Beamte die Sache leiten, 
können sie besser als jeder gewerbsmäßige Vermittler individualisieren; nur an ganz 
wenigen Stellen, für bestimmte Arten von Leuten, wird nach der Nummer der An— 
meldung verfahren. Das' Münchner Amt hat 1901 schon 838 803 Stellen befeht 
(61,0 0/0 aller in München vermittelten Stellen). Abnahme des Wanderns, der Bettelei 
und VLandstreicherei wird von da berichtet, wo gute Amter thätig sind. Sie wirken 
auch als allgemeine Auskunfts- und Wohnungsnachweisstellen; in ihren Räumen treffen 
sich Arbeitgeber und Arbeiter zu bestimmter Slunde, für bestimmte Berufe. „Die Arbeits— 
amter werden wahre Schutzanftalten dür die arbeitende Bevölkerung.“ Die Regierungen 
haben im Süden und in Norddeutschland sympathisch die Sache gefördert. Im Reichs— 
tage ist ein Gesetz verlangt worden, daß auf Antrag der Beteiligten durch die Landes— 
Centralbehörden, durch engere oder weitere Kommunalverbände solche Ämter errichtet 
werden sollten. 
h) Erst wenn eine solche Institution allgemein, national hergestellt ist und sich 
eingelebt hat, wird man beurteilen können, wie viel sie von der Arbeitslosigkeit be— 
seitigt, wie groß diese periodisch ist, ob es möglich und angezeigt ist, die Arbeitslosen— 
oersicherung zu ihrer Beseitigung einzurichten, oder ob man zu anderen Mitteln, z. B. 
dem von Schanz vorgeschlagenen Sparzwang schreiten soll. 
Die Arbeitslosenversicherung ist ein äußerst schwieriges Problem, zumal wenn 
sie in großem Stil, durch gesetzlichen Zwang, für alle Arbeiter geschaffen werden soll. Sie 
setzt eine Anstalt voraus, bei der die meisien Teilnehmer in der ziemlich sicheren Aus— 
sicht zahlen, nie etwas dafür zu erhalten; denn es sind nur die Saisonarbeiter und die 
schwächsten Glieder jeder Arbeiterbranche, die sie dringlich nötig haben; ihre Hülfe ist 
vor allem in den Krisenjahren erwünschi, deren Eintreten und Heftigkeit niemand vor—⸗ 
aussehen kann. Die Bewilligung jeder Unterstützung durch die Versicherungskasse muß 
von einer sehr schwierigen Prüfung der Schuld der Arbeitslofen abhängig gemacht 
werden und muß fich mit einem gewissen Zwang zur Annahme passender Stellen ver— 
binden. Die Einrichtung, sagt Oldenberg, muß “ im Ernstfalle zu einer bureoukratisch- 
staatssocialistischen Zwangsorganisation sühren, die wahrscheinlich zum Schaden der 
Arbeiter ausschlüge“ 
Die bisherigen Versuche der Arbeitslosenunterstützung durch die Gewerkv ereine, 
zumal in England, sind freilich gelungen; der Grund ift einfach: es handelt sich hier 
um eine Auslese hochstehender, gleicher Arbeiter, mit gleicher Gefahr; die hier durch 
eine Genossenschafi geüble Kontrolle und der Zwang zur Annahme von Stellen werden, 
als von den Gewerkvereinsführern ausgeübt, leicht ertragen. Die Erfolge in England 
ergeben sich aus folgenden Zahlen: die 100 großen Unionen mit etwa 1 Mill. Mit— 
glieder gaben 18021900 durchschnittlich 22 d/ (in einzelnen Berufen nur 40/0, in
	        
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