394 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [852
jür einen großen Teil derer, die jetzt am leichtesten arbeitslos werden) und arbeite dem
Sparzwang vor, wie man ihn durch Ausführung der Scherlschen Gedanken (vgl. N
S. 252) längst hätte vorbereiten können. Dann wird es in einer Anzahl Jahren Zeit
—D Zwangsarbeitslosenversicherung zu
wählen. Schanz will alle nicht anderweitig gegen Arbeitslosigkeit versicherten Arbeiter
gesetzlich zwingen, 100 Mk. in eine Sparkasse durch Lohneinbehaltung zu zahlen, die
nur für den Fall der Arbeitslosigkeit angegriffen werden dürsen. Die Arbeitgeber sollen
hierzu kleine Zuschüsse geben. —
225. Die Entstehung der Gewerkvereine, die Koalitionsgesetz⸗-
gebung, die Gewerkvereine in den verschiedenen Staaten. Habden wir
bei der Betrachtung der bisher erdrterten socialen Institutionen wohl auch zahlreiche
Anläufe von Vereinsbildung der Arbeiterwelt kennen gelernt, so mußien wir doch fest⸗
stellen, daß der Schwerpunkt dieser Einrichtungen mehr und mehr auf Staat und Ge—
meinde, auf Beamtentum und höhere, führende Gesellschaftsschichten fiel. Es handelte
fich um Organisationen, die mehr für als durch die Arbeiter ihre Gestaltung und Wirk—
samkeit erhielten. Aber daneben wuchs mit der wirtschaftlichen, geistigen und moralischen
Hebung des Arbeiterstandes ihr Selbstbewußtsein, ihr Thätigkessdrang. Wie sie neben
dem Mittelstand im Genossenschaftswesen selbständig sich zu organisieren verstanden, so
versuchten sie es in den Lohnkämpfen und in der Politik. Von den Erscheinungen auf
dem letzteren Gebiete sprechen wir noch im letzten Buch; ihre Organisation für die Lohn—
kämpfe haben wir hier noch im speciellen darzustellen, nachdem wir vei der Erdrterung
der socialen Klassenbildung und des Vereinsrechtes schon auf die Bedeutung der
modernen Arbeiterorganisation hingewiesen (18 136), bei Erörterung des Arbeits-
vertrags (II S. 216 u. 808) erwähnt haben, daß die Vereine der Abbeiter auf die
Verbesserung desselben einen wesentlichen Einfluß ausüben.
Die Gewerk- oder Fachvereine, Gewerkschaften, sind vereinsmäßige
Verbindungen der Arbeiter eines und desselben Berufes oder Gewerbes,
um ihre Inkteressen zu verfolgen, um, unterstützt durch ein gesammeltes, ge—
meinsames Vermögen, durch Verhandlung und Arbeitseinstellung den
Kampf, um bessere Arbeitsbebingungen kollektiv zu führen und ihre
Mitglieder bei Arbeitseinstellungen, Arbeitslosigkeit und in anderen Fällen zu unter—
stützen. Obwohl in der Haupijache erst im letzten Jahrhundert und überwiegend
in der zweiten Hälfte desselben enistanden, knüpfen sie doch direkt an die Zünfte und
die Gesellenverbände an. Die Innungen waren in ihrem Entstehen etwas ganz Ahn—
iches gewesen; von den späteren Innungen des 17.—19. Jahrhunderts stellten manche,
deren Meister zu bloßen Arbeitern im Auftrage der Verleger herabgesunken waren,
Interessentenverbände zum Kampfe um die Arbeitsbedingungen dar.“ Die Gesellen⸗
verbände hatten vom 14. bis 16. Jahrhundert ähnliche Ziele wie heute die Gewerk—
vereine verfolgt, sie hatten durch das Wandern und den starken internationalen Zu⸗
sammenhang bis gegen 1700 einen übermäßigen, oft knabenhaft geübten Einfluß be—
kommen; und wenn dann der Polizeistaat versuchte, fie zu beseitigen oder einzuschränken,
so haben sie doch in sehr vielen Laͤndern und Gewerben heimlich oder geduldet fort⸗
existiert. Als die moderne Gewerbefreiheit nun kam und mancherlei den Arbeiter und
Gesellen schützende Maßregeln aufhob, als die Großindustrie immer größere Mengen
von Arbeitern in denselben Betrieben und Gegenden konzentrierte und den Arbeitsvertrag
jum Mittelpunkt des Lebensinteresses von Tausenden machte, da bildeten sich rasch, teils
im Anschluß an die alten Verbände, teils infolge der beginnenden Lohnkämpfe selbständig
zahlreiche Gewerkvereine. Sie sorderten ihr altes Recht, sie widersetzten fich dem sinken—
den Lohn und der verlängerten Arbeitszeit. Die wachsende Erbitterung über ihr Schicksal,
das Gefühl, vom Staat und den befitzenden Klassen preisgegeben zu sein, und daneben
doch das wachsende Selbstbewußtsein, wie es dem demokratischen Geiste der Zeit ent—
sprach, der Anblick des Reichtums, der sich in den Unternehmerkreisen ansammelte, all'
das mußte die seit Jahrhunderten bekanuten, aber stets nur für den Augenblick wirken—
den Zufammenrottungen mehr und mehr in dauernde Verschwörungen und Vereine ver—