Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

406 Drittes Buch. Der gefellschaftliche Prozeß des Guterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [864 
geständnissen; die Unternehmer gestanden im Princip kollektive Lohnverabredung zu, die 
Arbeiter aber freie Wahl der Unternehmer bei Anstellung der Arbeiter zwischen Unio— 
nisten und Nichtunionisten; doch soll sie nicht nach ihrer Vereinsstellung, sondern nach 
der persönlichen Tüchtigkeit erfolgen. — Ist später in immer zahlreicheren Gewerben der 
faktische Beitrittszwang nahezu erreicht, so fragt es sich, ob man ihn nicht besser gesetz—- 
lich anerkennte, dann aber auch die Art des Zwanges und der Aufnahme gesetzlich 
ordnete. Wenn heute schon einzelne englische Gewerkvereine Eintrittsgelder von 70 — 100 sh 
erheben, wenn ungelernte Unionen fröhlich den alten „Numerus clausus“ der Stellen ver— 
kündeten, so kann man wohl fragen, ob solche Schranken nicht besser durch das positive 
Recht geordnet würden. 
n) Gemeinsame Arbeitseinstellungen hat es seit dem Mittelalter gegeben; 
aber sie waren früher infolge der Verbote und der Sitte so selten, daß sie keine erhebliche 
Rolle spielten; erst die Koalitionsfreiheit änderte dies; in England wurden die Streiks 
von 1824, in Deutschland von 1869 an erst häufiger. Die großen Aufschwungsperioden 
des Geschäftslebens in den letzten 40 Jahren haben sie dann zu einer brennenden Frage 
gemacht. Erst seither haben sich auch neben die von den Arbeitern beschlossenen Aus— 
stände die von den Unternehmern verhängten Aussperrungen gestellt; letztere sind immer 
weniger zahlreich gewesen; sie wollen die Arbeiter zu Lohnherabsetzungen und Ahnlichem 
zwingen; sie kommen häufiger in der Zeit der sinkenden Konjunktur vor. 
Der Charakter der Arbeitseinstellungen ist nach und nach ein ganz anderer ge⸗ 
worden: aus solchen gegen einen Betrieb oder die Geschäfte eines Ortes sind nach und 
nach Ausstände gegen große Industrien, gegen die Betriebe bestimmter Art in einer 
ganzen Provinz geworden, und bereits wird da und dort der Generalausstand gegen 
aAlle Unternehmer eines Staates erörtert. Beim Londoner Hafenstreik von 1889 waren 
110 000 Arbeiter beteiligt, beim englischen Kohlenstreik 1894 waren 250000 Bergleute 
ausgesperrt. Außerdem aber wird die Natur des Ausstandes und der Aussperrung da eine 
andere, noch weitergreifende, wo sie andere Arbeiter, die nicht dem Vereine angehören, 
auch solche in anderen Berufen in Mitleidenschaft ziehen. Als die 3500 unierten englischen 
Maschinenbauer 1852 die Arbeit einstellten, nötigten sie 1500 nicht unierte Maschinen— 
»auer und 10 000 ungelernte Arbeiter ungefragt zu monatelanger Brotlosigkeit. Auch 
1896—1900 wird statistisch in England nachgewiesen, daß außer den direkt Streikenden 
noch 18—1/4 ihrer Zahl, als indirekt erfaßt, feiern müssen. Je nach dem technischen 
Zusammenhang versetzen feiernde Arbeiter, wie z. B. die Gas⸗, Kohlen⸗- und Verkehrs— 
arbeiter viele Tausende anderer Arbeiter in Arbeitslosigkeit, stellen die Thätigkeit ganzer 
GBegenden und Provinzen still. Worüber auch nach demokratischem Princip nur eine 
Majorität aller Beteiligten entscheiden sollte, das entscheidet die Majorität eines Ge— 
werkvereins, welcher vielleicht nur 20 —60 0/0 der Gesamtzahl der Feiernden ausmacht. 
Der Führer der Ritter der Arbeit in Nordamerika, Pouderly, hat hauptsächlich mit 
Rücksicht hierauf die Arbeitseinstellungen und die engherzige Gewerkvereinspolitik be— 
kämpft. 
Durch die steigende Zahl der Teilnehmer an sich und durch diese übergreifenden 
Wirkungen verwandeln sich mehr und mehr die Arbeitsstreitigkeiten aus privaten, lokalen 
in öffentliche und nationale Angelegenheiten, denen die Nation und die Staatsgewalt 
nicht mehr gleichgültig zusehen kann. Die allgemeine Wohlfahrt, ja die Existenz des 
Staates kann unter Ümständen auf dem Spiele stehen. Wir kommen auf die Konfe— 
nuenzen, die hieraus zu ziehen sind, zurück. 
Zunächst haben wir — anknüpfend an das vorhin über die Verfassungsände— 
rungen in den Gewerkvereinen Gesagte — daran zu erinnern, daß mit der Verschärfung 
und Vergrößerung der Kämpfe doch auch eine vernünftigere Handhabung parallel geht. 
Die Streiks, die früher von streit- und wanderlustigen Gefellen ausgingen, werden jetzt von 
seßhasten Familienvätern beschlossen. An die Stelle der plötzlich zusammengetretenen 
Arbeitermassenversammlungen, die ad hboc Lohnkommissionen zur Leitung des Streiks 
wählten, treten mehr und mehr die geordneten, dauernd fungierenden Vereinsorgane und 
zeheime Abstimmungen wohlinstruierter Arbeiier durch geheime Stimmzettel u. s. w. Der
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.