—485) Neueres Marktwesen. Wochenmarkt und Markthalle. 27
und direkt zu sehen, was angeboten und begehrt wird. Sehen wir, wie diese Tendenzen
auf die einzelnen Arten der Märkte wirkten
a) Der Wochenmarkt und die Markthalle. Die Selbstproduktion an
Lebensmitteln ist in der Stadt fast ganz, auf dem Lande wenigstens teilweise ver—⸗
schwunden. Die Hauswirtschaft hält viel weniger als früher Vorräte, sie kauft mehr
im einzelnen ein. Sie thut es vielfach im Detailladen, beim Gemüsekrämer, beim
Hoker; aber der Bedarf ist so enorm gestiegen, daß fast nirgends die stehenden Läden
ihn befriedigen können. Ein großer Teil der Waren muß täglich frisch vom Lande
kommen; der alte Wochenmarkt ift immer noch die einfachste Form der Vermittelung
und Versorgung der Stadt. Er hat freilich dies und jenes abgestoßen. Der Getreide—
handel ist auf die Schranne bder besondere Getreidemärkte verwiesen, der Vieh—⸗
und Fleischhandel hat sich teilweife besondere Organe geschaffen; der Wein- und Salze,
der Holz- und Kohlenhandel ist auf stehende Geschäfte übergegangen. Aber doch hat
der alte Wochenmaͤrkt meist in den sich vergrößernden Städten seit Jahrzehnten das
Bild unzureichender Versorgung geboten; auch wo er auf eine Reihe von Plätzen ver⸗
teilt wurde, wo neben die ländlichen Produzenten eine steigende Zahl von Zwischen⸗
händlern, Vorstadt- und Landfleischern und SBaͤckern hinzukam, reichte er meist nicht aus;
ein Beweis, daß die stehenden Läden ihn nicht erfetzen konnten. Nud seine Schattenseiten
liegen doch heute zu Tage: zwei⸗ bis dreimal in der Woche wird der provisorische
Markt mit seinen Buden aufgebaut, die Ordnung der Zufuhr, die Aufstellung von
Dutzenden und Hunderten von Wagen ist eine teure, beschwerliche, meist für halbe Tage
ganze Straßen sperrende Maßregel. Sonne und Regen, Hitze und Kälte, Staub und
Schmutz verderben viele Waren. Man hat es oft ausgesprochen: nur wer durch physische
Kraft, Wetterbeständigkeit und Derbheit der Form sich auszeichne, könne auf dem
Wochenmarkt verkaufen. Der Bauer wie die Hausfrau klagen über die Brutalität und
die Verabredungen der Zwischenhändler, seit fie den Selbstproduzenten auf dem
Markt ganz gleichgestellt sind. Also gewiß keine vollendete Einrichtung, aber doch eine
unentbehrliche. Rirgends fast hat eine praktische Stadtpolitik oder kaufmännische
Spekulation das Unzureichende der alten Wochenmärkte, die zu große Enge derselben,
die maßlosen Klagen uüber die Herrschaft kleiner Zwischenhändler-⸗ und Kommissionäreliquen
auf den Märkten, über die unnatürliche Verteuerung in den Städten durch volle Be—⸗
seitigung der zu kleinen Märkte zu heilen gesucht; nein, man hat an ihre Stelle ver—
größerte Markthallen gebaut, die gleichsam das Princip des mittelalterlichen Wochen⸗
marktes in moderner Form wiederherstellen: Centralisierung von Angebot und Nach⸗
frage, Nebeneinanderftellung der Verkäufer der gleichen Ware, der Händler und der
Zelbstproduzenten, Unterwerfung des eentralisierten Lebensmittelmarktes unter die
Offentlichkeil, unter eine strengere Maß- und Gesundheitspoligei, Belebung der Zusuhr
durch geschickte Darreichung der Verkaufsgelegenheit.
„ Die Markthalten entstanden teilweise schon zu Anfang unseres Jahrhunderts,
meist erst im lehten Menschenalter. Es sind überbeckte, gegen die Witterung geschützte,
täglich vormittags, nachmutags, ja abends gehaltene Maͤrkte, wo kleine Verkaussflaͤnde
teils täglich, teits für längere Zeit an Lebensimittelhändler und Produzenten moglichst
zu den Selbstkosten vermietet werden Jede Art der Ware hat ihren Platz, eine roße
Zahl Verkäufer derselben Ware stehen nebeneinander; der Großhaͤndel ist keils zeitlich,
teils ortlich vom Detailhandel in der Halle getrennt; neben den gewöhnlichen VBer—
käufern stehen amtlich bestellte Kommissionäre, an die jeder Waren zum Verkauf senden
kann; diese senden dem Auftraggeber den Erlbs sofort nach dem Verkauf unter Abzug
einer festen Provision; neben dem freihändigen Verkauf finden Auklionen statt, haupt⸗
sächlich die amtlichen Kommissionäre veranstalten sie. Die ersten 8 Berliner Hallen
haben 8—9 Mill. Mart, die Pariser allen ado Fagt Franes gekostet. Aber
hier wie anderwärts machen sie sich bezahlt, ja zeigen sich als die Vorausfetzung der
guten Versorgung einer Großstadh. Ein komplizierter Apparat von Beamten, Aufsehern,
Polizeiorganen, amtlichen Trägern ist nötig; eine Summe von Marktordnungen regelt
den Dienst und zugleich die Art der Konkurrenz im einzelnen. Kon de richtigen Ver—