14 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[1872
zilt dies von manchen frei gewillkürten, wie von vielen staatlich eingesetzten Organen.
Zu den ersteren zählen die Einrichtungen mehrerer größerer englischen und amerika—
nischen Industrien, die des deutschen Buchdruckes u. s. w. Die erwähnten Abmachungen
der nordamerikanischen Maschinenindustrie vom 17. März und 16. November 1900,
wobei 3 Milliarden Dollars Kapital und 100 000 Arbeiter paktierten, sieht erst lokale,
dann nationale Entscheidungen vor. In den australischen Gesetzen sind Distriktshöfe für
die Einigung, ein Centralhof für das Schiedsverfahren eingeführt. Der Plan des
englischen Handelsministers Ritschie vom Februar 1899, der am Widerspruch des parla—
mentarischen Unternehmerausschusses zunächst scheiterte, aber von der Iron Trade Asso-
ziation gebilligt wurde, sieht ebenfalls einen Centralschiedsgerichtshof für alle Gewerbe vor.
überall ist das Motiv dasselbe: für solche centrale Instaͤnzen sind als Vorsitzende und
Beisitzer die ersten Persönlichlkeiten des Landes zu gewinnen, wie in den Vereinigten
Staaten jetzt eben Präsident Roosevelt selbst eingriff. Die lokalen Leidenschaften, die
Erinnerung an die Kämpfe müssen in dem Schiedsspruch und seiner Vorbereitung gar
teine Rolle spielen.
3. Die Grundfätze für Einigung und Schiedsspruch müssen stets gewonnen werden
aus der zuverlässigen Prüfung der wirtschaftlichen Thatsachen, des Angebotes
und der Nachfrage, der Stärke und der Mittel der Organisationen, der augenblicklichen
dage und Konkurrenzfähigkeit des Gewerbes, der Möglichkeit des Ersatzes der Arbeiter
u. s. w. Die Friedensstiftung ist stets um so leichter, je mehr sich Angebot und
Rachfrage die Wage halten, je gleicher die beiderseitige Macht ist. Weichen sie von
einander ab, aber nicht allzu stark, so ist immer noch die Einigung möglich, so
lange ein Nachgeben von der einen oder anderen Seite erzielt wird. Wo die Unter—⸗
nehmer ein Monopol oder von auswärtiger Konkurrenz wenig zu fürchten haben, ist
die Einigung deswegen leichter, weil sie Konzefsionen an die Arbeiter ohne Schwierig⸗
keit auf die Preise schlagen können. Ist das nicht der Fall, wie in den Stapel⸗
industrien des Weltmarktes, so müssen die Arbeiter lernen, daß sie während der
Baissekonjunktur nachgeben, Opfer bringen müssen. Die Erhaltung der Konkurrenz—
ähigkeit, der technische und Betriebsfortschritt der Industrie muß auch für fie das
oberste Gebot werden. Ist durch große Marktveränderungen die Macht zeitweise für
die Arbeitgeber, zeitweise für die Arbeiter über alle gewöhnlichen Verhältnisse gesteigert,
jo wird leicht die Einigung mißlingen: die auf ihr augenblickliches Übergewicht Pochen—
den fordern zu viel. Die erziehende Macht der Verhandlungen wird aber auch hier
nach und nach mäßigend wirken.
Wo man um Zahlen streitet, um bloße Erhöhung und Erniedrigung des Lohnes
und der Arbeitszeit, ist zuletzt die Einigung für vernünftige Menschen nie so schwierig,
wie wenn man um Einrichtungen und Principien kämpft. Das erstere ist z. B. auch
der Fall in Bezug auf den Aus- und Einfahrtdienst im Bergwerk, auf die erlaubte
Lehrlingszahl; das letztere, wenn man um Tag- oder Stücklohn, um Gruppenakkord,
um die ganzen Gründe für die Lohnbestimmung streitet. Mit Recht weisen die Webbs
nach, daß alle Schiedsgerichtsentscheidungen in England da leicht waren und sich leicht
Anerkennung verschafften, wo Unternehmer und Arbeiter zu demselben Princip fich be—
kannten, z. B. zu dem, die Löhne sollten nach den Verkaufspreisen der Kohle, des
Eisens u. s. w. schwanken, daß sie aber schwierig wurden, sobald entgegenstehende Prin—
ripien (z. B. ob Lohn nach den Verkaufspreisen oder Forderung auskömmlicher Löhne zum
deben), einander gegenüber standen. Alle diese Fragen münden zuletzt in die Gerechtig—
deitsgefühle und -vorstellungen, welche die Menschen stets mit besonderer Kraft erfassen.
Diese und die ganzen sittlichen Ideale, welche bei allen Einigungs- und Schiedsverfahren
den Hintergrund bilden, müssen in jedem Gewerbe, in jedem Lande sich zuletzt zu einer
zewissen Einheit in dem Kreise der Beteiligten durchringen; dann ist die Einigung
wieder möglich, dann werden die entiprechenden Schiebssprüche wieder ohne Schwierig
leit ertragen.
Der schärfste Gegensatz zeigt sich meist noch, heute wenn die Arbeitervertreter im
Interesse der Lohnhöhe oder der sonstigen Arbeitsbedingungen verlangen, über die