379)] Begriff des Einkommens, seine Entstehung. 421
und Produktivität bezeichnet hatten, wurden diese Begriffe auch auf das Volk als
anzes übertragen. Es lag dies um so näher, je mehr verschiedene wissenschaftliche
und praktische Gedankengänge im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts dazu geführt
hatten, das Vermögen, den jährlichen Verbrauch, die Aus- und Einfuhr eines Volkes
als Ganzes, als einheitlich faßbare Größen hinzustellen. Und nachdem man vom Be—
zriff des Roh- und Reinertrags eines Geschäftes zu dem des Einkommens einer Perfson
gekommen war, so wurde ebenso folgerichtig dieser Begriff wieder auf das ganze Volk
uͤbertragen. Und das Volkseinkommen, obwohl es nie und nirgends zeitlich oder ört—
lich als eine Einheit zu fassen ist, erschien nun der abstrakten Betrachtung aähnlich wie
ein einheitlicher Wasserstrom von bestimmter Größe, der auf dem Markt entstanden,
in verschiedene Kanäle sich teilend den großen Gruppen der Gefellschaft und den ein—
zelnen Wirtschaften und Personen in beflimmten Zeitabschnitten zuführe, was sie an
wirtschaftlichen Gütern verbrauchen oder aufspeichern können. Diese heute weit ver⸗
breitele und zumal von den Socialisten einseitig benutzte Vorstellung enthält insofern
einen schiefen Nebensinn, als sie vorausfetzt, alles Einkommen stamme aus dem Tausch—
und Maͤrktverkehr. Der Sachverhalt ist aber doch der: alle Einzelwirtschaften genießen
einerseits eigenes Vermögen direkt und verwenden ihre eigenen Kräfte zu direkter Be—
friedigung ihrer Bedürfnisse; wo nur Kleinbauern ohne viel Tauschverkehr sind, liegt
in den Erzeugniffen ihrer Eigenwirtschaft für den eigenen Konsum auch der größte Teil
hres Einkommens; je mehr nun freilich der Tauschverkehr sich entwickelte, und je mehr
ARe Einzelwirtschaften Verkehrsgüter fertigten, ihre Glieder in fremden Dienst stellten,
hr Vermögen kreditmäßig gegen Rente weitergaben, entstand aus der Arbeits- und
Vermögensuutzung dieser Art ein komplizierter Cirkulationsprozeß, der durch Rechts-
ordnung, Sitie und Moral gebunden, aber doch in der Hauptsache von Marktpreisen
und Koͤnjunkturen beherrscht, den einzelnen einen steigenden Teil ihres Einkommens,
vielen heute den größten Teil desselben zuführt. Hiedurch hauptsfächlich ist die Vorstellung
eines Gesamteinkommens des Volkes entstanden, von dem jede einzelne Wirtschaft einen
durch Marktvorgänge bestimmten Teil abbekomme. Es ist aber klar, daß man trotzdem
heute einen allgemein anzuwendenden Einkommensbegriff nicht auf den Teil der Guter,
der am Cirkulationsprozeß teilgenommen hat, beschränken darf; denn damit würde
dem reichen Hofbauer, der auf eigener Hufe reichlich lebt, aber wenig kauft und ver—
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lebenden Schulmeisterlein, der mit dem fünften Teil auskommen soll.
Wir koͤnnen daher definieren: Einkommen ist der Inbegriff derjenigen
Güter, Nutzungen und Leistungen, welche jährlich als regelmäßiges
Ergebnis der Arbeit und des Vermögens einer Person, einer Familie,
eines soeialen Organs rechtlich erscheinen, den Betreffenden direkt
zustehen oder im Tauschverkehr zufließen, und von ihnen für Unter—
halt und Vermögensvermehrung verwendet werden können. Fast in jedem
Jahreseinkommen von Familien steckt ein direkt in der Einzelwirtschaft hergestellter und
in' aus den Verkehrsoperationen bezogener Teil. Hauptsächlich an den letztern knüpfen
sich die großen Fragen der Einkommensverteilung an; es handelt sich da um die Auf—
deckung der Ursachen, welche der einzelnen Wirtschaft aus dem Cirkulationsvprozeß ein
Mehr oder Weniger von Gütern zuteilen.
v) Gegenuber den Einzeluntersuchungen über die Einkommenszweige hatte
A. Smith das Bedürfnis, alles Einkommen einer einheitlichen Erklärung zu unterziehen;
er that es im Sinne seiner naturrechtlichen und technisch volkswirtschaftlichen Vorstellungen
und' im Anschluß an die englischen Klassen- und Betriebsverhältnisse seiner Zeit. Er und
seine Nachfolger schieden von der Betrachtung das Einkommen der nicht direkt an der
Produktion beteiligten Klassen und Organe aus, wie das des Staates, der Beamten,
Soldaten, Lehrer ec., nannten dieses das abgeleitete, das Einkommen der wirtschaftlich
Thätigen aber das ursprüngliche Einkommen. Nur die Teilung des letzteren wollte
man wiffenschaftlich erklären. Die gesamte Volkswirtschaft erschien dabei nun als ein Geschäft,
dessen Reinertrag in soviel Teile zu teilen sei, als es Hauptklassen der wirtschaftlichen Gesell—