422 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [1880
schaft gebe; als solche lagen 1. die verpachtenden großen englischen Grundeigentümer, 2. die
wesentlich mit eigenem Kapital arbeitenden Pächter, Kaufleute und Manufakturisten und
3. die Arbeiter am nächsten; jede dieser Klassen — so hieß es — leistet der Produktion einen
Dienst; die Grundeigentümer erhalten dafür die Grundrente, die sogenannten Kapitalisten
(Unternehmer) den Kapitalprofit, die Arbeiter den Lohn. Daß die kleinen Handwerker,
Bauern und Krämer dabei ausfallen, daß die Geschäftsleute ebenso oder noch mehr durch
ihre Arbeit als durch ihr Kapital wirken, daß die bedungene Kapitalrente dabei unter
den Tisch fällt, oder daß Kapital-(resp. Unternehmer-)profit und Kapitalrente dabei in schiefer
Weise zusammen geworfen werden, das bemerkte man nicht. Für die abschreibenden
Nachfolger Smiths wurde die Lehre dadurch noch schmackhafter, daß die drei Einkommens—
weige den drei angeblichen Produktionsfaktoren Natur, Kapital und Arbeit zu entsprechen
schienen, welche eine naive Abcschützenlogik als gleichwertige Faktoren oder Ursachen der
Produktion nebeneinander gestellt hatte. J. St. Mill formulierte den Gedanken dann gar
so: jede dieser drei Klassen gebe ein „Eigentum“ an die Produktion ab; die Grundeigen—
tümer erhielten also dafür die Grundrente, die Kapitalisten den Gewinn, die Arbeiter den
Lohn, jede Klasse mit gleichem Rechte. Man hatte nun eine scheinbar einfache Unter⸗
juchung: es handelte sich nur um die Feststellung der Konkurrenzverschiebungen zwischen
diesen drei Klassen, die man häufig als drei einzelne, mit einander ringende Personen
sich dachte. Gewiß war dies ein nicht gänzlich falsches Bild; nur mußte man sich
bewußt bleiben, durch welche Abstraktionen man zu diesem Bilde, zu dieser Fragestellung
zekommen war, und welche Verhältnisse, Nebenursachen und Faktoren sonst noch mit—
spielen. Wir werden auf das einzelne weiterhin zurückkommen. Hier ist nur zu be—
tonen, daß von den alten abstrakten Nationalbkonomen fast durchaus ein schiefer Ge—
brauch von dieser Fragestellung gemacht wurde, daß man in den Tag hinein ein Steigen
oder Fallen der Rente oder des Gewinnes oder des Lohnes als naturgesetzlich hinstellte,
wobei oberflächliche historische oder technische Beobachtungen die Grundlage des Urteils
bildeten. Die Ricardosche Behauptung, daß das Steigen der Grundrente notwendig
den Gewinn schmälern müsse, die socialistischen Theorien über das notwendige
Sinken des Lohnes in der modernen Wirtschaft gehören in diese Kategorie.
c) Wir versuchen dieser „natürlichen“ eine hist orische Betrachtung gegenüber zu
stellen. Wir behaupten: alle Güterverteilung ruhte von Anfang an neben der individuellen
Thätigkeit auf gesellschaftlichen Einrichtungen; sie tritt uns im Laufe der Geschichte in
den zwei Formen des Arbeits- und Vermögenseinkommens gegenüber; sie hat stets
neben wirtschaftlichen andere gesellschaftliche, politische ꝛc. Urfachen; auch in der Epoche
des entwickelten Marktverkehrs wird sie von Rechtsinstituten, von Sitte und Moral
beeinflußt, wie die Preisbildung und die Marktvorgänge selbst.
Lange ehe es ein rententragendes Vermögen gab, hat man die Produkte und die
Produktionsmittel nicht absolut gleich und nicht durchaus entsprechend der Arbeits—
leistung verteilt. Freilich war die Fürsorge zunächst eine überwiegend individuelle,
aber die Gentil-, Familien- und Stammesgemeinschaft griff doch mannigfach ein, und
über sie hinaus mancherlei andere Gruppenbildung; z. B. von dem Jagd- und dem
Fischereiertrag gab man den Führern doppelte, von der Kriegsbeute mehrfache Teile,
bei der ersten Siedlung gab man den Häuptlingen schon größere Stücke Landes. Alle
Ausbildung von etwas größeren gesellschaftlichen Körpern von 10 000 und mehr Seelen
nötigte, den Fürsten, den Kriegführern, den Priestern Geschenke zu geben, sie mit
Vieh und Grundbesitz, mit Sklaven und Diensten auszustatten. Ein solches Gemeinwesen
kann nur leben und wirken, wenn die Leitenden über größere wirtschaftliche Mittel
verfügen, sei es, daß sie ihnen freiwillig gereicht werden, sei es, daß die, welche
mehr produzieren, die Kräftigsten, auch mehr Produktionsmittel an sich gerissen haben,
damit sich der leitenden Stellen bemächtigten und sie zu weiterer Bereicherung benutzten.
Es wird die freiwillige Dotierung oder die Usurpation in dem Maße leichter möglich
werden, wie alle Teilnehmer des politischen Körpers durch Viehzucht, durch besseren
Ackerbau so weit gekommen sind, mehr zu erzeugen als sie selbst brauchen. Es können
hnen erst infolge solcher Mehrproduktion Abgaben und Diensie auferlegt werden; sie