Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

881)] Der natürliche und der historische Standpunkt in der Einkommenslehre. 423 
zönnen als Unfreie oder als Pächter nun Üüberschüsse über ihren Bedarf an den Herrn, 
in die abgeben, welche das Grundeigentum für sich in Beschlag genommen haben. Die 
ungleiche Cinkommensverteilung kann so in öffentlich rechtlicher oder privatrechtlicher 
Form sich einstellen. In der ersten Form ist sie gleichsam unter die Kontrolle der 
Gesamtheit, der Regierung gestellt, in der zweiten hat sie sfich davon losgelöst, kann dann 
stait den öffentlichen mehr den individuellen und egoistischen Zwecken dienen; aber diese 
weite Form ist die viel leichter herzustellende, die, welche die aristokratischen Kreise 
besfser sichert, daher auch, so lange die gesellschaftlichen Einrichtungen unvollkommen find, 
und sie bleiben es unendlich lange, die, welche sich als unentbehrlich für alle höhere 
kultur erhält. Sie ist die Form, in welcher neben dem Arbeits- ein privates Ver⸗ 
moögenseinkommen der höheren führenden Klassen entstanden ist, die Form, welche heute 
noch neben dem wachsenden Arbeitseinkommen der Fürsten, Minister, Offiziere, Ab— 
geordneten und Beamten besteht. 
Die zunehmende Einkommensverschiedenheit knüpft so an verschiedene Arbeits- 
erfolge (verschiedene Kraft, Geschicklichkeit u. s. w.) an, wie an verschiedene Maßstäbe 
der Arbeitsvergütung (höhere Anteile der Führer), sie hat von frühen Zeiten an 
eine Grundlage in der überkommenen verschiedenen Vermögensverteilung; sie ist be— 
einflußt von allen Ursachen, die beide Erscheinungsreihen beeinflussen. Die großen 
technischen Fortschritte einerseits, die großen gelingenden gesellschaftlich organisatorischen 
Einrichtungen nebst allen daran sich knüpfenden Rechts— und Wirtschaftsinstitutionen 
andererseits beherrschen die sich steigernde Differenzierung der historischen Einkommens— 
berteilung. Werfen wir, um anschaulicher zu werden, schon hier einen kurzen Blick 
auf die Hauptstationen dieser Entwickelung. 
Die ältesten Stämme mit einiger Wohlhabenheit sind die mit besserer Fischerei 
und die mit Viehzucht. Der Schiffsbau und das Gelingen der Viehzucht hat überall 
neben den gewöhnkichen Stammesgenossen Reiche geschaffen; dem Mehrbesitz an 
Vieh schloß sich der von Sklaven und Hörigen an; die Geschickten, die Tapferen, die 
Führer von Vieh- und Sklavenbeutezügen waren die emporkommenden. Das erste Leih⸗ 
geschaft mit enormem Gewinn schloß sich an den Viehbesitz an ( 8 124). 
Die Grundeigentumsverteilung der seßhaft gewordenen Völker knüpft sich in der 
altesten Zeit an die Gentilverbände, die Dorfgemeinschaft, die Weide- und Ackerwirtschaft 
der Familie an; in den Zeiten des Hackbaues ist die Teilung ohne Zweifel eine sehr 
zleichmäßige; sie wird aber mit dem Viehbesitz, der Kriegsverfassung, der aufkommenden 
önigs⸗ und Beamtengewalt bald eine ungleiche; neben den gleichen Hufen im Dorfe tritt 
die Doppelhufe des Schulzen, die 4q28fache Hufe des Ritters, treten die Tausende von 
Hufen der Könige, der Aristokratie, der Kirche. Es entsteht das Obereigentum der Aristo⸗ 
kratie, das Untereigentum der Bauern; wo letztere ein gegen Lastenerhöhung gesichertes 
selbstaäͤndiges Recht haben, steigen sie Jahrhunderte lang (im ganzen in Westeuropa von 
1000 1400) an Wohlftand 'auf; wo das nicht der Fall ist, sinken fie herab. Die 
Grundeigentumsverfassung und ihre Veränderungen beherrschen die naturalwirtschaftliche 
Finkommensverteilung der älteren Agrarstaaten, und immer stehen dabei nicht rein wirt⸗ 
schaftliche Ursachen, so die ganze sociale Klafsenbildung, die Kirchen-⸗, die Kriegs⸗, die 
Lokal- und Staatsverfassung, im Vordergrund. 
Mit der vom 18. 16. Jahrhundert vordringenden Geld- und Kreditwirtschaft, 
der wachsenden Bedeutung der Städte, der Gewerbe, des Handels, der stärkeren Kapital— 
dildung ändert sich, wie in den analogen Epochen des Altertums, das Bild der Ein— 
kommensverteilunge Die Grundlage bildet auch jetzt noch die überlieferte Grundeigen— 
lümsverteilung, dann die vorhandene Dorf- und Innuugsverfassung. Aber überall 
schieben sich nun sprengend und ändernd die Möglichkeiten des Geld⸗ und Kapitalgewinnes, 
die neuen Arten der Einkommens- und Vermögensbildung dazwischen. Die Klassen— 
gegensätze wachsen, und mit ihnen differenzieren sich auch rasch die Maßstäbe der Arbeits— 
dezahlung und die Vermögensunterschiede. Im Centrum der Regierungen sammeln sich 
groͤße Geldeinnahmen; die oberen Hof- und Staatsbeamten, die Münzer, die Steuer— 
zächter, die Kreditgeber der Päpste, der Könige, der Fürsten, die Obersten, Generale
	        
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