Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

424 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[1882 
und Kriegskommissare werden reich, kaufen den alten Grundbesitz aus, oder es werden 
gar die großen Bankiers und die geldgierigen Kondottiere zu Fuͤrsten, wie in Italien. 
Immer ändert sich bis Ende des 18. Jahrhunderts nicht zu viel an der aus dem 
Mittelalter hergebrachten Verteilung. In einzelnen Ländern und Gegenden wird der 
Bauer vom Gutsbesitzer, der für den Markt im großen produzieren oder hohe Pacht— 
renten einziehen will, ausgekauft oder vertrieben; in einzelnen größeren Städten erzeugt 
Handel, Bankwesen, steigende Grundrente eine Aristokratie des beweglichen Besitzes; 
aber ein breiter Geldlohnarbeiterstand besteht noch nicht; der Zünftler und der Baͤuer 
lebt noch im alten Geleise, ohne starken Erwerbstrieb, zufrieden mit der hergebrachten 
„Nahrung“, vielfach durch Agrar-, Stadt-, Zunftverfassung geschützt. Die hergebrachte 
Gesellschaftsverfassung mehr als das Marktgetriebe veherrschen die Vermögens- und 
Einkommensverteilung Westeuropas bis 1750, ja vielfach bis 1830. 
Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts schufen die Geld- und Kreditwirtschaft, der 
neuere Verkehr und das neue liberale wirtschaftliche Recht (Gewerbefreiheit, Nieder 
assungsfreiheit, freie Konkurrenz u. s. w.) mit den neuen Betriebsformen, der neuen 
socialen Klassenbildung, der sehr vermehrten Produktion eine wesentlich veränderte Ein— 
ommensverteilung. Der Erwerbstrieb ist zunächst in den Händler- und Unternehmer— 
kreisen, dann aber auch in weiteren Schichten ein ganz anderer geworden, er streifte 
einen großen Teil der alten moralischen und rechtlichen Schranken ab (J1 818 u. 19). 
Der volle Sieg der Geldwirtschaft erzeugte die Rationalität in allem Wirtschaftsleben, 
die Auflösung vieler alten Bande und Gemeinschaften, den modernen Individualismus, 
die hastige Geldgier, die Rückfichtslosigkeit, den Machtmißbrauch der Reichen (18 169). 
Es entstanden mit der Geldwirtschaft und Weltwirtschaft, mit den neueren Preis⸗ 
wechseln, den heutigen Verkehrsmitteln, den Börseneinrichtungen Gewinnmöglichkeiten für 
die wirtschaftlich jähigsten und zugleich für die listigsten und härtesten, wie fie auch in 
der geldwirtschaftlichen Zeit Griechenlands und Roms vorhanden gewesen und damals 
noch viel größere Gegensätze und Ausschreitungen erzeugt hatten. Eine Habsucht und 
eine materialistische Genußsucht erfaßte die führenden Schichten, die Großstädter, wie 
kaum je zuvor. Und daneben ermöglichte der viel größere Wohlstand eine Bevölkerungs⸗ 
zunahme ohnegleichen und die Entstehung von breiteren Schichten Besitzloser, ohne 
Figenwirtschaft, auf ein Geldeinkommen, Gehalt, Lohn u. s. w. Angewiesener, ohne 
daß diese Schichten in ihrer Mehrheit sofort eine gesicherte Existenz und die Sitten und 
Institutionen sich erwarben, die für solche Lebensstellung erwünscht sind. 
Mochte zunächst die überlieferte Vermögens- und Einkommensverteilung einen 
erheblichen Einfluß behalten, mochte Moral, Sitte und Recht ihren Einfluß me ganz 
verlieren, zunächst traten die Preiseinflüsse und Marktvorgänge und eine viel stärkere 
zgoistische Machtbethätigung im wirtschastlichen Daseinskampf in den Vordergrund. 
Der Mechanismus der Unternehmung mit seinem schwankenden Gewinn für den Unter— 
nehmer, mit dem bedungenen Zins für geliehenes Kapital, der bedungenen Grundrente 
ür benutzten fremden Boden, dem bedungenen Lohn für die mitwirkenden Arbeiter 
sonnte als „die Ursache“ der Einkommensverteilung erscheinen. Bald zeigte sich freilich 
daneben, daß die Staats- und Gemeindefinanzen, das Stiftungsvermögen, die wachsen— 
den öffentlichen und privaten Vermögen, die gesammelten Unternehmerkapitale für einen 
immer größeren Teil des Volkes einen komplizierten Mechanismus des Arbeits- 
einkommens schufen, der nicht bloß auf dem Markt und seinen Preisen beruht. Von 
20 Millionen Erwerbsthätiger bezogen 1895 in Deutschland 16,8 ein fortlaufendes, 
durch eine Summe von Institutionen mehr oder weniger gesichertes Arbeitseinkommen. 
Und bei der Ausbildung dieser Institutionen spielen Vorstellungen über gerechte Be— 
lohnung eine zunehmende Rolle. Nur die Einkommens- und Vermögensbildung von 
0 000 —500 000 Unternehmern hängen heute in Deutschland so von Preisen und 
— ab, wie die natürliche Einkommenslehre es sich vom ganzen Volke vor—⸗ 
tellte. 
Die vier vorgesührten wirtschaftlichen Aufschwungsperioden, in welchen die 
größeren Viehzüchter, die größeren Grundbesitzer, die Machthaber und Händler der Re—
	        
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