128 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [886
das nicht der Fall ist; wenn wir beobachten, daß ein ähnlicher Unterschied zwischen
den Privat- und den Staatseisenbahnen, den englischen und den deutschen Beamten—
gehältern obwaltet: wo in England einige hunderttausend Mark bezahlt werden, erhalten
die höchsten deutschen Beamten 20000 -60 000 Mtk. Historische Anderungen in diefen
Abstufungen haben wir schon oben (S. 299) angeführt, die ausschließlich auf den
demokratischen Zug unserer Zeit zurückgehen. Im ganzen gliedert sich das Gehalts—
zinkommen nach Talent, Vorbildung, freilich auch nach Konnexion. Seine richtige
Ordnung wird für die ganze Volkswirtischaft um so wichtiger, je mehr das Privat—
beamtentum zunimmt, die höheren Arbeiter beamtenartige Stellungen erhalten.
Das Einkommen der liberalen Berufsarten, der Advokaten, Arzte, Künstler,
Literaten, die nicht Gehalt beziehen, beruht auf einzelnen Verträgen, auf herkömmlichen
Honoraren und Taxen; es ist für viele ein unsicheres und schwankendes, oft ein sehr
ümmerliches, für die tüchtigsten Elemente dafür ein um so höheres. Der Erwerbstrieb
kann sich hier nicht so frei bethätigen wie in der wirtschaftlichen Produktion, weil Sitte
und Standesgefühl ihm Schranken auferlegen; doch wirken die Größe, von Angebot
und Nachfrage immer ein, und es ist nicht ausgeschlossen, daß geschickte Arzte, Advokaten
und Künstler ihr Einkommen nicht bloß durch ihr Talent, sondern auch durch Reklame
und Praktiken aller Art außerordentlich hochtreiben.
Bei der großen Zahl mäßig bezahlter Beamten und wenig verdienender Künstler,
Advokaten möchten wir für die 1116 Millionen solcher Personen nicht über 2000 Mk.
jährlichen Arbeitsverdienst annehmen; das gäbe 2,82 Milliarden Mk. und zusammen
mit dem Lohneinkommen 10 — 11 Milliarden. Dazu kommt für erstere gewiß dreiviertel
Milliarde Renteneinkommen; dieser Betrag ist ficherlich nicht zu hoch; giebt es doch
manche Carrieren, die nur Wohlhabenden zugänglich sind.
c) Wir kommen zu den Kleinbauern, handwerkern, Kleinhändlern, deren
Einkommen auch überwiegend aus Arbeit stammt. Um ihre Zahl zu bestimmen, gehen wir
davon aus, daß die Berufszählung 5,47 Millionen selbständige Erwerbsthätige, d. h.
zroße und kleine Unternehmer zählt. Wenn daneben die landwirtschaftliche Be—
kriebszählung allein 5,55 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, die Gewerbezählung
3,14 Millionen Hauptbetriebe, also zusammen 8,69 oder 8,22 Millionen mehr als
Selbständige zählt, so liegt es daran, daß 1. die Gewerbezählung auch Gärtnereien,
Tierzucht u. s. w. aus der Landwirtschaft aufgenommen hat, daß 2. die landwirtschaft⸗
liche Zählung unter den 5,55 nicht weniger als 8,28 Millionen Betriebe unter 2 ha
aufführt, die überwiegend eine Nebenbeschäftigung von Arbeitern, Beamten, Gewerbe⸗
treibenden darstellen; die Berufszählung ergiebt nur 2,66 Millionen selbständige Land—
wirte, also nicht viel mehr als die 2,82 Millionen landwirtschaftlicher Betriebe, die
über 2 ha bewirtschaften. Wir werden also als Gesamtzahl aller großen und kleinen
Unternehmer etwas über 5 Millionen annehmen können. Und wenn wir als größere die
Bewerbebetriebe mit sechs oder mehr beschäftigten Personen und die landwirtschaftlichen
mit über 20 ha ansprechen (210258 und 307 195), so gehen von der Gesamtzahl
etwas über eine halbe Million (0,517 Million) ab. Es bleiben 41/23 Millionen
jolch' kleinere und mittlere Betriebe, d. h. solche, die mehr Arbeitsverdienst als Kapital⸗
rente geben. Und zwar machen die kleinen, d. h. die gewerblichen mit 1-2 Personen
und die landwirtschaftlichen mit 2585 ha 8,26 Millionen aus, die mittleren, d. h.
die gewerblichen mit 83—5 Personen und die landwirtschaftlichen mit 5 — 20 ha
1,35 Millionen.
Die ersteren (die kleineren Bauern ꝛc.) stehen in der Hauptsache wirtschaftlich und
social den Arbeitern, Unterbeamten, Schulmeistern gleich, ja teilweise an Einkommen, an
Sicherheit des Verdienstes noch hinter ihnen. Viele haben freilich noch ein sie stützendes
eigenes Vermögen, ein Häuschen, ein Stück Ackerland; aber viele find auch verschuldet, arbeiten
unter dem Drucke hoher Pacht. Viele der allein arbeitenden Handwerker sind prole—
tarisiert, sind verarmte Heimarbeiter. Ihr eigenes Kapital ist sehr klein, auch das der
seleinbauern, Kleinhändler reicht nicht über 500 ãj3000 Mk.; im Durchschnitt wird es
reichlich gegriffen sein, wenn man die 3,26 Millionen auf je durchschnittlich 100 Mk.