Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

387) Die deutsche Einkommensverteilung 1895. 429 
ährlicher Vermögensrente einschätzt. Ihr Gesamteinkommen bloß als Verzinsung dieses 
apitals von hundert und mehr Prozent hinzustellen, wie es die ältere abstrakte Theorie that, 
ist eine lächerliche Verkennung des Umstandes, daß sie in der Hauptsache Arbeitsleistungen 
derkaufen. Alle diese Leute suchen in erster Linie einen standesgemäßen Unterhalt aus 
ihrem kleinen Geschäft zu gewinnen, höchstens etwas zu sparen und ihre Schulden ab— 
züzahlen. Ihr Geschäft ist einfach, lokal, meist ohne sehr großes Risiko. Die, welche vor— 
ankommen, danken es nicht kluger kapitalistischer Spekulation, sondern den Entbehrungen, 
dem Fleiß und der Geschicklichkeit von Mann, Frau und Kindern. Von den großen Preis— 
vechseln und Konjunkturen werden sie zeitweise wohl auch günstig und ungünstig be— 
rührt; fie stehen ihnen aber im ganzen machtlos, meist auch kenntnislos gegenüber. 
Wir werden etwa das Richtige treffen, wenn wir jedem von ihnen 900 Mk. Arbeits— 
und 100 Mk. Vermögenseinkommen geben; das sind 2,98 Milliarden Arbeitsverdienst, 
),82 Vermögensrente, zusammen 8,25 Milliarden Einkommen. 
Die 1,35 Millionen mittleren Geschäftsleute stehen höher; einzelne von ihnen 
tommen als Handwerksmeister und Händler empor; die Mehrzahl der Bauern lebt heute 
unter schwerem Druck; viele mit über 6000 Mk. Vermögen geben heute bei der Steuer nicht 
900 Mk. Einkommen an. Im Gesamtdurchschnitt, glaube ich, dürsen wir sie doch nicht 
höher setzen als zu jährlich 1300 Mk. Arbeitsverdienst und 250 Mk. Vermögensrente; 
Zas giebt 2,82 Milliarden Arbeits-, O,89 Vermögens-, zusammen 2,71 Milliarden Einkommen. 
Die 41/3—5 Millionen kleiner und mittlerer Geschäftsleute werden also ein Ein— 
kommen von fast 6 Milliarden, darunter 5,26 Milliarden Arbeitsverdienst haben. 
d) Ganz anders steht psychologisch, wirtschaftlich und social die halbe Million 
zrößerer Unternehmer. Wir haben ihren Unternehmungsgeist (I 8 216. 41), 
hren Vermögenserwerb (18 129), das Wesen der Unternehmung, die Ursachen und 
Hrganisation des Großbetriebs und der übrigen Unternehmungsformen ((18 138-146) 
schon geschildert, kommen nachher auf das Wesen des Unternehmergewinns zurück. Wir be⸗ 
znügen uns daher hier mit der Bemerkung, daß Sombart neuerdings die Grenze der 
Großunternehmer viel enger ziehend (sie mit denen identifizierend, welche über 128500 Mk. 
Finkommen haben, über 50 Personen beschäftigen), nur 66000 — 70000 große Unter— 
nehmer in Deutschland zählen will. Bleiben wir bei der halben Million, so werden 
wir ihr Durchschnittseinkommen wesentlich niedriger als 12500 Mk., zu etwa 8000 Mk. 
ansetzen müssen; 4000 Mk, Arbeitseinkommen, 4000 Mk. aus eigenem Vermögen (aus 
90 000 - 120 000 Mk. pro Kopf). Das gäbe 2 Milliarden Arbeitsverdienst, 2 Milliarden 
Vermögensrente, zusammen 4 Milliarden. 
e) Die vier resp. fünf aufgezählten wirtschaftlichen Gruppen der Gesellschaft 
werden also nach unsern Annahmen umfassen und haben: 
an Arbeitseinkommen an Vermögenseinkommen 
1. die 15,2 Millionen Arbeiter 8,58 Milliarden 0,25 Milliarden 
2. 1,166, Beamte u. s. w. 232 9.75 
3. 3,26 kleine Unternehmer u. s. w. 298 0382 
4., 155 mittlere, 232 0.89 
3. 039 große 2 — —— 
78 15 Nilliarden 3,71 Milliarden 
Das Arbeitseinkommen der Arbeiter und Beamten würde also nach unserer Rech— 
nung 10,9, das der Unternehmer 7,258, das Vermögenseinkommen der ersteren 1, das 
der letzteren 2,71 Milliarden Mark betragen. Es kaäme also in diesen beiden größten 
Bruppen der Gesellschaft auf 18,15 Milliarden Arbeitseinkommen 8,71 Milliarden Ver— 
mögensrente. Bei der Annahme von 25 Milliarden Gesamteinkommen der Nation bliebe 
noch 8,14 Milliarden als Einkommen der hier nicht aufgeführten physischen und mora— 
lischen Personen übrig. Als physische kommen die 1,88 Millionen Personen in Betracht, 
die 1895 als berufslos angeführt sind; die meisten haben nur ein ganz geringes —* 
ommen; es sind unter ihnen 0,41 Millionen Schüler und Studierende, 2,26 Millionen 
Anstaltsinsassen (Armenhäusler, Gefangene ꝛc.), 0,17 Millionen sonstige Armenunter— 
tützte, o,‚eg Millionen Frauen über 14 Jahre; der Rest fällt auf Pensionsbezieher und
	        
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