434 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Guterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [892
Werkmeister, Faktoren stehen neben den vornehmen königlichen Kaufleuten; dann die
verkommenen Genußmenschen, die Leute, die sich alles erlauben, was nicht ins Zuchthaus
bringt, neben denen mit peinlichster Ehrlichkeit. Im ganzen halten sich, je größer die
Geschäfte werden, desto mehr nur die eigentlichen Geschäftstalente und Genies an den
wichtigsten Stellen, die Leute mit ganz starkem Willen; es sind häufig nicht die erwerbs—
und habsüchtigsten, sondern die nach Macht und Autorität strebenden, die zum Befehlen
geborenen. Man wird heute, sagt Walker, nicht mehr Unternehmer, weil man Kapitalist
ist, sondern weil man große Geschäfte leiten kann, wie man auch nicht General wird,
wenn man über Kriegsmaterial versfügt. Natürlich wird man stets darüber streiten
können, inwieweit die führenden großen Unternehmer ganz seltene Eigenschaften haben
müssen, aber der Menschen- und Geschäftskenner der Gegenwart wird doch darüber kaum
einen Zweifel haben, daß es unendlich schwer hält, die nötige Zahl solcher Leute zu
finden; Marshall meint in diesem Zusammenhang, der Erwerb großer Vermögen sei
taum genügendes Entgelt für das, was sie Bedeutsames und Einzigartiges leisten. Walker
meint, nichts sei eine schwerere Bürde und größere Gefahr fuüͤr eine Volkswirtschaft,
als unfähige Großunternehmer. Der englische Arbeiterfreund Harrison fagt: die Be—
dingung aller großen socialen und wirtschaftlichen Fortschritte sei die freie Verfügung
über ganz große Kapitalmassen in der Hand der großen Unternehmer.
Die Entstehung einer solchen Klafse ausgesuchter Menschen ist das Werk jahr—
hundertelanger geistiger und moralischer Erziehung, geschichtlicher Entwickelung, socialer
Auslese. Die Betreffenden werden die Fehler aller Herrschenden, unter Umständen auch
schon die Laster rückgängiger Aristokratien haben. Ihre Tugenden und Fehler werden
stets mit denen ihrer Nation und ihrer Zeit im Zusammenhang stehen. Sie werden
dementsprechend von der einen Seite verehrt und gelobt, von der andern bekämpft und
gehaßt sein. Sie werden um so höher stehen, je mehr sie nicht bloß gewinnen wollen,
je mehr sie auch Sinn für das Wohl der Arbeiter, für das Gedeihen des Ganzen haben.
Je mehr sie mit List und Betrug, mit Wucher und Übervorteilung anderer zu Werke
gehen, desto mehr werden sie den Boden untergraben, auf dem sie stehen, wenn sie auch
zunächst durch solche Mittel sich noch außerordentlich bereichern. Einzelne solcher räudigen
Schafe wird es immer geben; schlimm ist es nur, wenn ihre Zahl infolge laxer Ge—
ijchäftsmoral, materialistischer Habsucht sehr zunimmt.
Weder über die Zahl, noch über die Macht und die Eigenschaften der Unternehmer
wird man ein einfaches Gesetz der hist orischen Entwickelung aussprechen können. Man
wird nur sagen können, es habe bis ins 18., ja 19. Jahrhundert in den Kulturstaaten
an fähigen kaufmännisch und technisch geschulten Unternehmern eher gefehlt, wenige
Kaufmannsfamilien hätten früher leicht eine Art Monopolstellung gehabt; es sei dann
die Zahl derselben successiv gestiegen, zuerst in Holland, England, den Vereinigten
Staaten, später in Mitteleuropa; in Osteuropa habe es an solchen bis in die neuere
Zeit eher gesehlt; daher dort die Einwanderung von westeuropäischen Technikern
und Kaufleuten, die rasch reich werden. Wo die Zahl und die Fähigkeiten stiegen,
habe die Konkurrenz zugenommen, sei ein Druck auf den Gewinn entstanden, der in
Zeiten des Aufschwunges, der technischen Fortschritte, der zunehmenden internationalen
Arbeitsteilung nachließ, in Zeiten der Krise und des Geschäftsstillstandes wieder anwuchs.
Daher seit Ende des 18. Jahrhunderts und im ganzen Laufe des 19. immer wieder
periodisch die Klage über fallende Gewinne; daher neuerdings oft der Ausspruch, nur
in neuen Industrien seien noch erhebliche Gewinne zu erzielen. Die Kartelle und Trusts
suchten den allgemeinen Druck zu beseitigen, den Gewinn wieder zu erhöhen.
TTrozdem aber wird man behaupten können, die Unterneh mer seien als Klasse die
wirtschaftlich Fähigsten geblieben, seien auch heute noch gegenüber den Verkäufern
der Produktionsmittel wie gegenüber den Konsumenten doch im ganzen die Überlegenen.
Und das fei nicht sowohl Folge ihres Besitzes (so sehr er in Betracht kommt), als Folge
ihrer Stellung in der Initiative, ihrer geschäftlchen Fähigkeiten, ihres Zusammenhanges
mit den leitenden Kredit- und Verkehrsinftituten, ihres Einflusses auf die Regierungen
und die Handels- und Wirtschaftspolitik. Und darin liegt die Erklärung, daß sie —