Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

395) Unternehmer und Arbeiter. Sinken des Gewinnes. 437 
leugnen, wenigstens für ältere Gewerbe, für Länder mit sehr dichter Bevölkerung, mit nicht 
wachsendem Export, mit stabiler Nachfrage u. s. w. Es ist dies das Zeichen, daß das 
wirtschaftliche Leben überhaupt schwieriger werde, daß von gewissen Punkten an der 
technische und organisatorische Fortschritt größerem Widerstande begegne. Aber von der 
Mehrzahl auch der west- und mitteleuropäischen Länder wird man behaupten können, 
daß die erzielten Gewinne 1895 — 1900 ebenso groß oder größer waren als die von 
1860 - 1873 oder gar als die von 1820 - 1840. 
Marr sieht im periodischen Sinken des Gewinnes (der Profitrate) während der 
überproduktion und der Krise das Fatum des Unternehmers, das zuletzt die kapita— 
listische Produktion, d. h. die durch Unternehmer beseitigen werde. Der Gewinn (der Mehr⸗ 
wert)»entsteht für ihn ja zuerst durch Lohndruck, dann durch Maschinenanwendung, 
welche Arbeiter beseitigt; damit (sagt Bernstein) schlägt aber der Kapitalist die Henne 
tot, die ihm die goldenen Eier legt, denn nur lebendige Arbeit schafft ja nach Marx 
Mehrwert. Die Überspekulation und Krise vernichtet dann große Kapitalmassen; nur des— 
wegen ist nachher wieder eine Produktion mit beschränktem Gewinn möglich. Aber da 
dieser Prozeß sich stets fortsetzt, die Betriebe und Kapitale sich immer mehr konzen— 
trieren, die Ausbeutung und Verelendung der Arbeiter immer weiter steigt, so wird 
zuletzt — nach Marx — die Unternehmerproduktion unmöalich durch den sinkenden 
Gewinn. 
Es ist ein Kartenhaus von Gedanken, das seine durchsichtige Schwäche in der falschen 
Erklärung alles Mehrwertes und Gewinnes durch die Handarbeit an sich und durch 
Arbeiterausbeutung hat. Der Gewinn sinkt nicht so, wie hier angenommen wird. Die 
Unternehmung der Gegenwart wird in absfehbarer Zeit nicht verschwinden. Sie wird 
nur, wie wir sahen (18 148 ff.), andere Formen annehmen. Die Riesenbetriebe und 
Großunternehmungen, die Aktiengesellschaften und Genossenschaften, die Kartelle und 
Trusts, die Gemeinde- und Staatsbetriebe sind es, welche durch ihre Verfafsung, ihre 
Direktoren und Beamte, ihre Formen des Einkommens (Gehalt und Tantiemen) der 
älteren privaten Unternehmung täglich Terrain abgewinnen und diese selbst modifizieren, 
in vielem zur Nachahmung zwingen. Aber die Unternehmung als solche und der Unter— 
nehmergewinn verschwinden damit nicht, sondern erleiden nur gewisse Umbildungen, ge— 
wisse Einschränkungen der privaten Gewinnsucht; es treten eine Reihe anderer Motive 
neben den Erwerbstrieb; staatliche, gemeinwirtschaftliche Gesichtspunkte und Gefsamt— 
interessen kommen mehr als bisher zur Geltung. 
Der berechtigie Kern des Unternehmergewinnes ist die freie Üübernahme 
wichtiger gesellschaftlicher Funktionen durch Personen, die wirtschaftlich, technisch, kauf— 
männisch höher stehen als die übrigen Klassen, die Leitung der Produktion und des 
Handels besser als sie verstehen. So weit diefer Kern bestehen bleibt. wird der Unter— 
nehmergewinn sich erhalten. — 
Wir kommen nun zu der großen, viel erörterten Frage, wie zeitweise Gewinn⸗ 
steigerungen, die an seltene Produktionsmittel und steigende Nachfrage sich anknüpfen, 
zu dauernder Vermögensrentensteigerung führt. 
238. Die ländliche Grundrentenbildung und der Monopolwert 
der ländlichen Grundstücke. Wir haben in der Wertlehre (I1I S. 154-1858) 
und bei der Erörterung des Gewinnes gesehen, daß die Steigerung des Gewinnes, 
welche die Folge beschränkter Produktionsmittel (Grundstücke, Erzlager u. s. w.) oder 
beschränkter eigentümlicher Verhältnisse und Einrichtungen (rechtliche Monopole, Kartell- 
verabredungen, Ruf der Firma, Folge ausgezeichneter Geschäftsführung) sind, sich 
in der Regel in einen erhöhten Wert der Kapitalien und Vermögensstücke umfetzen. 
Der Zusammenhang zwischen der Gewinnsteigerung und dem erhöhten Vermögenswert 
ist oft nicht ganz deutlich; der letztere kann oft länger ausbleiben, oft tritt er aber auch 
nur zu rasch ein; er kann lange ein schwankender und unsicherer sein, durch künstliche 
Mittel beeinflußt werden. Aber im ganzen wird stets, wo der Mehrgewinn einiger⸗ 
maßen gesichert erscheint, der Mehrwert der Kapitalstücke, auf die man ersteren zurück⸗ 
führt, entsprechend dem herrschenden Zinsfuß erfolgen. Und umgekehrt werden sinkende
	        
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