Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

g09) Monopolrenten des beweglichen Besitzes. 451 
enthält meist schon das ursprünglich aufgewendete Kapital mit einem Aufschlag von 
100 — 200 5/0; ist dann die Dividende vom Nominalkapital 5, so ist sie vom wirklich 
aufgewendeten Kapital 10 oder 16. In den Vereinigten Staaten ist das System der 
„Verwässerung des Kapitals“ am ausgebildetsten: man giebt zunächst Obligationen und 
Vorzugsaktien aus, den gleichen Betrag an Aktien begeben die Gründer dann erst nach 
und nach, wenn das Unternehmen blüht. Wenn also z. B. 1887 — 1895 612 7006 
aller Eisenbahngesellschaften der Vereinigten Staaten den Stammaktien keine Dividende 
zahlten, so heißt das nur, bei 61 — 700/0 sei die Verwässerung so groß gewesen, daß 
zunächst nur die Vorzugsaktien und Obligationen etwas erhielten, aber nicht, daß das 
wirklich aufgewendete Kapital keine Rente gab. Die deutschen Aktiengesellschaften, deren 
Statistik van der Borght für 1896 giebt, erzielten für ihr Nominalkapital 10,7 0/0 
Reinertrag, verteilten 7,59/0 Dividende; von 2870 gaben 698 keine, 680 0—8, 1029 
5— 10, 454 über 10 (20 uber 40) 0/0 Dividende; etwa 1500 werden also Kurse von 
120 — 6000/0 des Nominalwertes (ca. 2—3 Milliarden) erzielt haben. Die großen 
französischen Eisenbahnen erzielen seit Jahren 6—160/0 Dividende; die Bank von Frank— 
reich 1135 0; ihre Aktien von 500 sianden oft auf 8500, steis unendlich hoch über 
Pari. So wird auch in Frankreich eine Vermögenszuwendung von Milliarden an die 
Inhaber solcher guten Aktien vorhanden sein. 
Eine neuere gute Arbeit über die österreichischen Aktiengesellschaften weist nach, 
daß sie 1878—1899 durchschnittlich 6,750/0 des Nominalkapitals als Dividenden ver— 
teilten, die Gasgesellschaften 16,6 0/0, die Versicherungsgesellschaften 18,80/0, die Banken 
3,50/0, die Industriegesellschaften 5,270/0, die Maschinenfabriken 7,669/0. Das Aktien— 
kapital betrug 1900 1005 Mill. fl.; wie groß dabei schon der Wertaufschlag bei der 
GBründung war, erfahren wir nicht; die Kursgewinne über den Nominalwert werden bei 
allen, die über 50/0 geben, erheblich sein. Ihnen stehen allerdings die Verluste der 
liquidierten Gesellschaften gegenüber. 
Und das ist ja nun das Charakteristische dieser ganzen Vermögensbildung; sie ist 
viel unsicherer als die durch Grundrentenbildung des laͤndlichen und städtischen Bodens 
entstandene. Die Extragewinne, welche den Mehrwert des Vermögens schufen, sind meist 
doch schwankend, hängen von Welthandelskonjunkturen, Personen, kompligzierten Betriebs- 
einrichtungen viel mehr ab als jene. Aber das hebt die Thatsache nicht auf, daß diefe 
Wertbildungen doch eine ähnliche oder gleiche Ratur haben, wie die an das Grund— 
eigentum sich anknüpfenden. Es ist wahrscheinlich, daß sie in der letzten Generation 
diel mehr individuellen Reichtum schufen als die ländliche Grundrenté, vielleicht den 
gleichen oder größeren als die städtische. Und wenn dieser Reichtum in seinem Ursprung 
ganz wejsentlich auf die führenden Präsidenten, Direktoren und Leiter der großen 
Unternehmen, auf ihr Geschäfistalent, ihre enorme Arbeitsthätigkeit zurückgeht, so haben 
doch ebenso die unschuldigen Aktionäre an diesem Goldregen teilgenommen, welche ein 
persönliches Verdienft so wenig daran haben wie die Schöneberger Bauern, die über 
Nacht Millionäre wurden, weil das Berliner Baugeschäft ihre Hufen erreichte. 
235. Die Verteilung des Vermögenseinkommens, Nachdem wir in 
8230 —-234 eine Reihe specieller Fragen erörtert, kommen wir auf die Gesamtergebnisse der 
Einkommensverteilung zurück und besprechen nun erstens die Entwickelung der Ver— 
mögensverteilung (8 235) und zweitens die ganze Einkommensverteilung (8 286). Wir 
cnüpfen an unsere Ausführungen in 8 229 an. 
Nur ein kindlicher, aller historischen Kenntnisse barer Optimismus konnte den 
Satz aufstellen, daß alle höhere wirtschaftliche Kultur oder wenigstens die wirtschaftlichen 
und technischen Fortschritte des 19. Jahrhunderts die Tendenz gleicherer Vermögens, 
perteilung in sich trügen. Das Gegenteil ist seit Jahrtausenden und in der Gegenwart 
jedem klar, der Augen hat, um zu sehen. Nur darüber kann Streit sein, was die 
Ursachen seien, bis wohin die Bewegung gehe, ob sie aus sich Gegenbewegungen erzeuge 
und Schranken zulasse. Wir führen zuerst für die allgemeine Tendenz der wachsenden 
Angbeichheit einige historische Beweise an, gehen nachher auf die anderen angedeutelen 
Fragen ein.
	        
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