460 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[(918
zahl, das Fabrikelend in den Baumwolldistrikten — diese Thatsachen hatten ihn zu seiner
Theorie von der Verelendung der Massen, von der Auffaugung aller kleinen Kapitalbesitzer
durch die großen gebracht. Die ehrliche historische Wissenschaft hatte dann die antiken
socialen Kämpfe aufgedeckt und als Analogie der Gegenwart verwertet. Die ersten Er—
gebniffe der Einkommensteuergesetze von 18340 —1860 zeigten die teils wirkliche, teils schein—
bare große Verkümmerung der Mittelstände und der unteren Klassen. Lassalle konnte nach
der preußischen Statistik verkünden, daß 72,550/0 der preußischen Bevölkerung in aller—
elendester Lage, 16,7589/0 in elender, 7,25 0/0 in gedrückter, 8,25 0/0 in erträglicher und
nur 0,5/0 in guter Lage seien. Ein so vorsichtiger und konservativer Mann wie Roscher
konnte noch 1892 schreiben, die Spaltung des Volkes auf höchster Kulturstufe in wenige
Überreiche und zahlreiche Proletarier scheine unvermeidlich. Die ernste Wissenschaft schien
mit den Anklagen des Socialismus einig. Einige manchesterliche Optimisten und die
Anwälte der Großkapitalisten, die zugleich deren Millionen verteidigen und deren Nicht-—
existenz beweisen sollten, nahm man in der Wissenschaft kaum ernst.
Und doch sehen wir heute, daß in dieser ganzen theoretischen und statistisch—
historischen Einkommenslitteratur große Übertreibungen lagen, daß man als allgemeines
Gesetz angesehen, was unter besonderen Verhältnissen eingetroffen war, daß man einen
großen Teil der 1842 — 1900 entstandenen, der Einkommensbesteuerung entnommenen
Statistik falsch interpretiert hatte. Man hatte die Steuereinkommen für wirkliches Ein—
kommen angesehen, auch wo letzteres um 50—100, ja mehr Prozent höher war; man
hatte die Steuernden vielfach als Familienhäupter angesehen, während unter ihnen nur
die Hälfte oder zwei Drittel solche waren, der Rest auf junge Leute von 14 Jahren an,
auf Gesinde, auf verdienende Familienglieder fiel. Bis auf den heutigen Tag scheint
mir jede Berechnung der Einkommensverteilung verdächtig, welche nicht diese Elemente
zu scheiden weiß. Vor allem aber mußte eine historische Betrachtung zwischen England
und den kontinentalen Staaten, zwischen der ersten Zeit der siegenden Geldwirtschaft
und Großindustrie und der neueren Epoche ihrer Konsolidierung, der Zeit der socialen
Reformen unterscheiden, sie mußte die großen Unterschiede zwischen der anliken und
modernen Entwickelung erkennen. So kam man zu der von uns (oben 8229 und 82385)
schon betonten, die pessimistischen Behauptungen einschränkenden Erkenntnis; man sah,
daß die Zunahme der Einkommensdifferenzierung nur in Zusammenhang mit der socialen
———
Epochen zunehmender Differenzierung auch Zeiten größerer Ausgleichung folgen können.
Die statistisch-historischen Einkommensuntersuchungen von —— in England,
von ageeahe Soetbeer, Böhmert und anderen in Deusschland schufen niach und nach
ein lorrigiertes Bild. Ich versuchte in den oben S. 420 angeführten Vorträgen von 1895
und 1897 ihm Ausdruck zu geben, vielleicht etwas zu optimistisch; aber im ganzen scheint
mir das damals Ausgesprochene auch heute noch richtig. Ich versuche das Ergebnis
der neueren Untersuchungen kurz zusammenzufassen.
Der Satz ist falsch, daß die Armen immer ärmer und zahlreicher, die Reichen
immer reicher und geringer an Zahl werden, die mittleren Einkommen verschwinden.
Das heißt: für jede dieser drei Behauptungen kann man aus den letzten zwei Jahr—
hunderten einzelne Epochen und Gegenden anführen, aber der Gesamterfolg ist doch ein
wesentlich anderer.
Die Reichen werden reicher (derselbe reichste Privatmann hatte in Preußen 1875
5, 1901 20 Mill. Mk. Einkommen), aber ihre Zahl nimmt auch erheblich zu. Ein
Einkommen über 8000 Mk. versteuerten in Altpreußen 1832 48 489, 1867 729883, in
ganz Preußen 1873 1283 284, 1894 319 317, 1902 449 741 Personen; ihre Zahl wird
in Wirklichkeit stets viel größer gewesen, aber kaum stärker gewachsen sein. Dieses Wachs—
tum bildet ja nun freilich die Anklage: „die obersten Einkommensklassen vermehren sich
rascher als die mittleren und unteren“; so wurden schon von Engel folgende Progressionen
der preußischen Steuerzahler (1832 —1878) berechnet: für die unter 3000 Mk. Einkommen
100: 124, für die von 3000836000 100: 210 -470, fur die höheren 100: 8300 - 2200.
Reumann berechnete fur 1832 —1890 ähnliche Zahlen und fügt bei: „die großen und