d27) Schwankungen in Macht und Verfassung der Volkswirtschaft. 469
die gesamten Aus- und Einfuhrverhältnisse sich verschieben. Von den heutigen Export—
industriestaaten glauben manche Sachverftändige, daß sie ihren Export bald verlieren
werden; von Englands Exrport berechnet Tugan, daß er 1831 -1860 um 85, 1861 -1870
um 56, 1871 - 1880 um 33, 1881 - 1890 um 7, 1891 -1899 um 00/0 zugenommen
habe. Wie muß das auf das ganze innerwirtschaftliche Leben zurückwirken!
Was die inneren Verfassungsänderungen der Volkswirtschaft betrifft, so erinnern
wir nur an den großen Umbildungsprozeß von der Natural- zur Geldwirtschaft, den
wir vielfach nach seinen Licht- wie nach seinen Schattenseiten betrachteten: er ist eine
Hauptursache der Entstehung des heutigen Geldarbeiterstandes. Wir erinnern für die
älteren Zeiten an die Auflösung der alten Geschlechtsverfaffung, für die späteren Epochen
der Entwickelung an die Ersetzung des bäuerlichen Kleinbetriebs im Altertum durch
großen Sklavenbetrieb, an die neueren Bauernlegungen, an den Generationen erfüllen—
den Kampf des Handwerkes mit der Hausindustrie, beider mit dem gewerblichen Groß—
betriebe, an alle großen, die Volkswirtschaft zeitweise lähmenden socialen Kämpfe.
Mommsen erwähnt wiederholt, daß während der großen politischen Katastrophen der
römischen Bürgerkriege auch schwere wirtschaftliche Stockungen eintraten. Viele dieser Ande—
rungen dauern Jahrzehnte, oft Jahrhunderte lang; bis die alten Formen, ihre Sitten
und Rechtsnormen beseitigt, die neuen Formen gesunden, richtig in Sitte und Recht
ausgebildet sind, bis die neue Klassenbildung mit dem Bestehenden, mit den übrigen
Gesellschaftsorganen und -einrichtungen sich auseinandergesetzt haben, wird stets ein er—
heblicher Teil der Betroffenen sich in einem leidenden Zustande befinden; ein Teil der—
selben verkümmert, stirbt zuletzt in der bisherigen Form ab; ein anderer kommt empor,
mißbraucht seine Macht, wird erst nach und nach in die richtigen Schranken gewiesen.
Die Umbildung kann mißlingen, ganzen Staaten und Völkern ihren Wohlstand, ja
ihre Macht oder Existenz kosten. Sie kann auch gelingen und der Ausgangspunkt für
einen viel größeren Reichtum, für größere Macht werden. Man hat vielfach diese großen
Umbildungen selbst, zumal sofern sie bestimmie Klassen in Not versetzen, als „Krisen“
bezeichnet. Man hat von einer Krisis des englischen Bauernstandes gesprochen und
neint sein Verschwinden teils schon früher teils 1760 —1850. Man spricht von der
serisis des irischen Kleinpächterstandes, der die irische Bevölkerung in den zehn Jahren
1841 -1851 von 8,1 auf 6,1 Mill., die Kleinpächter von 1— Acres in ihrer Zahl
ↄon 310 486 (1841) auf 62221 (1896) herabdrückte. Man spricht von einer deutschen
Handwerkerkrisis (1840-51890), von einer Krisis der Hausindustrie. Es sind jeden—
falls Krisen in der Verfassung der Volkswirtschaft; die vorher genannten, die mit der
Stellung im System des Welthandels zusammenhängen, sind Krisen in der wirtschaft-
lichen und politischen Machtstellung. Wir kommen unten darauf zurück, wie sie sich
von den Krisen unterscheiden, welche man heute als Produktions- und Handels-, als
Geld- und Kreditkrisen bezeichnet. Jedenfalls können fie mit solchen zuͤsammenfallen
und sie verstärken. So war z. B. der Zustand ganz Deutschlands 1845 — 1854 mit
bestimmt durch die erste große Not des Handwerkes, durch die Not, welche in den
Gegenden der zwergbäuerlichen Betriebe herrschte, und durch den Todeskampf der alten
Hausspinner und weber. In Rußland tritt seit der Aufhebung der Leibeigenschaft
und den Folgen der unvollkommenen Emancipationsgesetzgebung (eit 1860) die Roi—
wendigkeit der Beseitigung der alten Agrarverfassung, die Verarmung und Auswucherung
des Bauernstandes als ein schwer drückender Begleitumstand zu allen Wechsein der
Ernten, der neuen großindustriellen Entwickelung hinzu. —
Wir brechen mit dieser Aufzählung einiger wichtiger Ursachen, welche das wirt—
schaftliche Leben in seinem gewohnten, regelmäßigen Gange von außen her oder in seiner
Totalitaät stören, ab, um uns den Schwankungen zuzuwenden, welche aus dem inneren
Wesen der heutigen Anordnung der arbeitsteiligen privatwirtschaftlichen Produktion folgen.
238. Die Anpassung der Produktion an die Konsumtion in der
Arbeitsteiligen Volkswirtschaft. Wo die Eigenwirtschaft des isolierten Haus⸗
und Landwirtes noch überwiegt, da handelt es sich nur darum, daß im Sommer und
Herbst so viel Vorrat zurückgelegt werde, um für die Glieder der Familie im Winter