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472 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[1930
die nachher wieder zeitweise überflüssig waren; die Lokomotivbauanstalten hatten sich
mit atemloser Hast eingerichtet, jährlich 1900 Lokomotiven bis zum Preis von
24000 Talern liefern zu können; 1876 schon brauchte man höchstens 600 und zahlte
nur noch 98300 Taler für eine. Es ist nachher leicht sagen, daß man die Möglichkeiten
überschätzt, zu rasch gebaut habe; wenn man ganz neuen Verhältnissen gegenüber—
steht, trifft das Urteil immer schwer gleich das Richtige. Und Privatspekulation wie
Parlamente und Regierungen werden gleich leicht sich irren. Man hatte in Osterreich
1867 nur 11, 1872 aber 34 Millionen Personenbillete verkauft. War das nicht
Anlaß zu den kühnsten Hoffnungen?
Die Tendenz zur Mehrproduktion, die steigenden Preise waren in den meisten
Aufschwungsperioden an sich berechtigt. Aber das Maß war falsch; man täuschte sich
über dasselbe, weil man in einer raschen Vorwärtsbewegung begriffen war, und weil
es in solcher Zeit sehr schwer ist, sicher zu sagen, bis wohin man in zwei, drei und
mehr Jahren kommen wird. Und für diese muß man nach der heutigen Verfassung
des wirtschaftlichen Lebens ja in der Gegenwart die Vorarbeiten machen. Diese
Schätzung der Zukunft ist das Schwierige und nicht etwa bloß wegen der Indi—
vidualität des Konsums, wegen des möglichen Wechsels der Mode u. s. w.
Das am schwersten ins Gewicht Fallende ist der ewige Wechsel aller gesellschaftlichen,
politischen, internationalen Verhältnisse. Die Bevölkerung nimmt in Europa jährlich
um Millionen zu, ebenso ihr Einkommen; das Tempo ist einmal langsam, dann wieder
rasch; das geschätzte Steuereinkommen war im Königreich Sachsen 1879 959, 1884
1140, 1892 1584 Mill. Mk., in Oldenburg 1866 44, 1870 46, 1875 83, 1880 88,
1885 62, 1890 67 Mill. Mk. Welche stoßweise Anderung der Nachfrage deuten nicht
schon diese wenigen Zahlen an. Soweit man fürs laufende oder nächste Jahr pro—
duziert, hat man, zumal in leidlich wohlhabenden Staaten, allerdings in den bestehen—
den Konfumtionssitten, in der vorhandenen und bekannten Einkommensverteilung einen
festen Anhalt darüber, wie 60—800/0 des laufenden Einkommens, die fürs Notwendige
erforderlich sind, ausgegeben werden; an gewöhnlichen Nahrungsmitteln, Kleiderstoffen,
Werkzeugen, Arzneimitteln wird Jahr für Jahr im ganzen die gleiche Menge gebraucht.
Aber darüber, wie der Rest des Einkommens ausgegeben, was davon verbraucht oder
erspart, wie es verbraucht werde, darüber lassen sich im voraus nur vage Vermutungen
aussprechen. Wie schwankt schon der Fleisch-, der Bier-, der Weinkonsum, der Ver—
brauch besserer Kleiderstoffe; der Berliner Fleischkonsum wechselte 1340 —1857 zwischen
88 und 129, 1888-1892 zwischen 188 und 1783 Pfd. pro Kopf, der Parifer 1847
—1851 zwischen 77 und 187 Pfd. Das hängt von den Ernten, von Krieg und
Frieden, guten und schlechten Geschaäͤftsjahren, von der Entwickelung des internationalen
Handels und zahlreichen anderen Umständen ab, welche eine „planvolle centralistische
Produktionsleitung“ ebenso wenig vorausfähe, vielleicht und sogar wahrscheinlich falscher
schätzte, als die heutigen verantwortlichen Lenker der Produktion, die für jeden Irrtum
mit ihrem Vermögen stehen. Ob das nächste Jahr fremde Staaten uns ihren Markt
verschließen, weiß man gegenüber einigen Vertragsstaaten, gegenüber anderen oft wich—
tigeren Maͤrkten nicht. Vollends ob in den nächsten Jahren irgendwo technische, von
anderen gemachte Verbesserungen uns auf fremden Märkten und zu Hause den Absatz
erschweren, wer will das im voraus in Rechnung ziehen? Wer kann vollends sicher
jagen, wie der Kohlen-, Eisen-, Maschinenbedarf in den nächsten Jahren steigen wird.
Ein Hauptmoment für die schwierige Voraussage des kommenden Bedarfes ist im
19. Jahrhundert die steigende Bedeutung derjenigen Industrien geworden, welche nicht
direkt Konsumwaren herstellen sondern Produktionsmittel: Kohle, Eisen und Stahl,
Maschinen, Baumaterialien. Ist der Bedarf an Brot und Fleisch, Baumwollgeweben
bei dem heutigen Wohlstand der Kulturvölker auch ein mehr oder weniger gleichmäßiger,
der an Produktionsmitteln und Baumaterialien ist um so schwankender. Es liegt das
in der Natur der Sache, im Gegensatz der Konsumgüter und der Produktionsmittel.
Den Bau von Häusern, Fabriken, Chausseen, Eisenbahnen kann man stets noch einige
Jahre verschieben, wenn es an Mitteln, an Stimmung, an starkem Begehr fehlt. Die