931)] Die Schwierigkeit der Bedarfsschätzung auf Jahre hinaus. 473
Industrie arbeitet mit ihren alten Maschinen fort, wenn der Absatz mäßig ist. Ganz
anders, wenn der Fortschritt einsetzt, der Absatz ein flotter wird. Jetzt häufen sich die
Reubauten, die Anlagen von Fabriken u. s. w. Hat man dann aber in günstiger Zeit
Häuser, Fabriken, Chausseen, Eisenbahnen in großer Zahl gebaut, so ist in der Regel
für Jahre der Bedarf gedeckt. Erst nach längerer Zeit wieder sind die alten Maschinen,
Häuser, Bahnen eines Ersatzes, einer neuen Ausdehnung bedürftig. Die innere Nach—
frage nach diesen Produktionsmitteln, noch mehr die entsprechende Nachfrage für den
Export nach den weniger entwickelten Staaten hat ihrer Natur nach etwas Inter—
mittierendes. Die technisch entwickeltesten Kulturstaaten, hauptsächlich England und
Deutschland, haben seit 50 Jahren einen immer konstanteren Export an Konsumwaren,
einen schwankenderen von Produktionsmitteln erhalten. Der englische Erport hob sich
in der aufsteigenden Konjunktur 1878 — 1882 an Stahl, Eisen und Maschinen von
25,9 Mill. K auf 48,5, an Baumwoll-, Woll- und Leinengeweben nur von 75,1 auf
87,7 Mill. FM. Es ist das Verdienst von Tugan-Baranowsky und Spiethoff, auf
diesen Umstand neuerdings nachdrücklich aufmerksam gemacht zu haben. Sie haben
gezeigt, ein wie großer Teil des zeitweise sich unbeschäftigt ansammelnden Leihkapitals
periodisch von den Produktionsmittelindustrien aufgebraucht, ja ganz erschöpft wird, wie
der hiedurch entstandene Anstoß alle Industrieen belebt, alle Preise erhöht, aber durch
die Kapitalerschöpfung und die Befriedigung des Bedürfnifses an Eisenbahnen, Fabriken,
Maschinen, Häusern notwendig mit der Zeit an ein jähes oder langsam einsetzendes
Ende kommt, wie das Steigen und Fallen der Eisenpreise der sicherste Barometer des
wachsenden Bedarfes an Produktionsmitteln ist.
Immer, es liegt darin nur eine, vielleicht allerdings die wichtigste Ursache davon,
daß auf den heutigen National- und Weltmärkten Angebot und Nachfrage nicht jeder
Zeit in UÜbereinstimmung sein können. Die zeitliche Scheidung der Produktionsprozefse
und die weite örtliche Trennung der Produktions- und Konsumtionsorte bedingt in
Zusammenhang mit den Fortschritten der Volkszahl, des Wohlstandes, mit den Ver—
änderungen der Verkehrsmittel und der internationalen Beziehungen, des Geschmackes
und der Mode eine Unmöglichkeit, in iedem Augenblicke, an jedem Orte, das Gleich—
gewicht herzustellen.
239. Die Einwirkung der Geldwirtschaft, des Kredites, des
Markt- und Preistreibens auf die Stockungen. Haben wir im vorstehen⸗
den die in der Natur der arbeitsteiligen neueren Produktion und der Konsumtion
liegenden Schwierigkeiten, sie jederzeit in Übereinstimmung zu halten kennen gelernt, so
haben wir jetzt unsere Aufmerksamkeit noch darauf zu lenken, daß sie, je weiter die
Arbeitsteilung geht, desto weniger direkt mit einander in Verbindung stehen, daß zwischen
hnen der große Mechanismus des Marktes, der Preisbildung, der Spekulation, die
Institutionen des Geld- und Zahlungswesens, des Kredites stehen, daß dieser Mechanismus
in besonderen Personen und Organen seine Träger hat, daß diese häufig durch ihre
Sonderinteressen veranlaßt sein können, auf Kosten der Konsumenten und der Produ—
zenten Gewinne zu machen, daß sie, wie letztere, irren, daß sie durch Betrug, Habsucht,
künstliche Manöver die Anpassung der Produktion an die Konfumtion hindern können.
Die meisten Kapitel unseres 8. Buches waren damit beschäftigt, diesen großen gesell—
schaftlichen Mechanismus, dem die Vermittelung zwischen Produktion und Konsumtion
übertragen ist, darzustellen. Wir sahen, wie es der Jahrhunderte und Jahrtausende
bedurfte, um ihn, sein Recht, seine Institutionen halbwegs richtig auszubilden. Wie
konnte es fehlen, daß er oft und lang versagte, falsch wirkte. durch Fehler aller Art
das Gleichgewicht störte.
Das Ideal des Verkehrsmechanismus und der Preisbildung ist, daß ein voll—
endetes Gelde und Münzwesen besteht, daß der Geldwert stabil bleibt, daß der Kredit
nur Würdigen und Ehrlichen zu teil wird, nur der richtigen Produktion, der richtigen
Preisbildung dient, daß auf dem Markte nur ehrliche Haͤndler und Vermittler kaufen
und verkaufen, daß alle Preisänderungen der thatsächlichen Veränderung von Angebot
und Nachfrage entsprechen. Man hat sich einem solchen Ideal wohl in mancherlei Hin—