fullscreen: Einführung in das Studium der Konjunktur

212 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik. 
Im Jahro 1907 zeigte sich zu Beginn eine leichte Besserung auf 
dem Geldmärkte, die dann auch zu einer Herabsetzung des Diskont 
satzes führte, während dann im Herbste 1907 die umgekehrte Ent 
wicklung wieder ein starkes Anziehen der Diskontschraube notwendig 
machte. Mit der Jahreswende war dann der Konjunkturumschwung 
in voller Stärke eingetreten und aller Welt sichtbar geworden. Dieser 
Zustand der Depression dauerte das ganze Jahr 1908 hindurch und 
erstreckte sich noch tief bis in das folgende Jahr hinein. Die In 
anspruchnahme der Reichsbank ging dabei dauernd zurück, ihr 
Deckungsverhältnis besserte sich und sie konnte ihren Diskontsatz 
bis auf 31/2 0/0 herabsetzen. 
Für die Steigerung der Preise der wichtigsten Rohstoffe und 
Halbfabrikate in dieser ganzen Zeit sei auf die Tabellen S. 105 und 106 
verwiesen. Sie zeigen eine Steigerung von den Jahren 1902—1906, 
eine Steigerung, welche noch zum Teil im Jahre 1907 andauerte, um 
dann erst im folgenden Jahre in der Zeit der ausgesprochenen De 
pression einem Rückgang Platz zu machen. Im Jahre 1907 vor allem, 
begannen dann in der Eisenindustrie, besonders in Trägern, die Auf 
träge nachzulassen, während in der Kohlenindustrie zunächst davon 
noch keine Rede war. In dieser Zeit also war die Tatsache des 
herankommenden Umschwunges schon so deutlich geworden, die Lage 
der Reichsbank hatte sich auch zu Anfang 1907 nicht gebessert, die 
Börsenkurse waren weiter zurückgegangen, in der Industrie zeigten 
sich deutliche Symptome, daß der Höhepunkt der Konjunktur über 
schritten war, daß jetzt in der ersten Hälfte des Jahres 1907 die 
Konjunkturprognose bereits durch die Tatsachen überholt war. 
Immerhin war die Beschäftigung der Industrie noch eine gute, an 
Aufträgen war noch in der Mitte des Jahres 1907 keinerlei Mangel. 
Nur die Bautätigkeit lag sehr danieder, weil dieser Zweig des 
Wirtschaftslebens mehr als jeder andere von der Lage am Geldmarkt 
abhängt und weil bei den damaligen teuren Geldverhältnissen hier 
die Tätigkeit eine sehr eingeschränkte war. 
Das ganze Jahr 1907 hindurch hören wir noch Klagen über die 
schwierige Lage am Geldmärkte, welche sich auch international aus 
zubreiten begann. Man beginnt jetzt den engen Zusammenhang 
zwischen den Verhältnissen am Geldmärkte und der Konjunktur all 
gemeiner zu erkennen. Die Meinung wird immer häufiger aus 
gesprochen, daß eine wesentliche Erleichterung am Geldmärkte nur 
bei einem Rückgang der industriellen Konjunktur erwartet werden 
könne. Die Entwertung der Industriepapiere machte weitere Fort 
schritte, bis mit dem Ende des Jahres 1907, als die Bank von England 
ihren Diskont auf 7 0/0, die Reichsbank den ihren auf 7 Va°/o erhöhte,
	        
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