389)] Geld, Kredit, Spekulation in ihrer Wirkung auf Schwankungen. 475
Die Thatsache, daß heute ein steigender Teil alles Vermögens in Effekten, die
auf den Inhaber lautend jeden Tag verkauft oder beliehen werden können, angelegt ist,
hat dazu geführt, daß diese Effeklen in ihrem wechseluden Wert ein Hauptgegenstand
der Kapitalanlage und der Spekulation würden. Der Handel auf den Börsen, zumal
der Terminhandel benutzt sie in erster Linie; die großen Banken beleihen sie; der
interlokale Zahlungsverkehr benutzt sie in weitem Umfang. Zumal die täglichen Kurse
der Aktien der führenden Gründungsbanken, der großen Industrieaktiengesellschaften, der
Bergwerke, der Baubanken wurden zum Spielball der Spekulation, der Differenzgeschäfte.
Viel künstliche Mittel werden in der Zeit hoffnungsvollen Geschäftsaufschwunges an—
gewandt, um sie in die Höhe zu treiben. Das Publikum fragt nicht mehr, werden
diese Effekten künftig wirklich sich so hoch verzinsen, sondern nur noch, werden sie weiter
einige Wochen und Monate steigen, so daß man beim Wiederverkaäuf große Gewinne
machen kann. Kurssteigerungen von 100 und mehr Prozent werden erreicht, denen
ede reale Grundlage fehlt. Tausende von gänzlich üͤrteilslosen nehmen an der Speku⸗
lation teil, und fie können es nur, weil die Banken ihnen Kredit hauptsächlich in Report—⸗
form zuletzt oft zu 20 — 40 0/0 geben, an diesem Kreditgeschäft große Gewinne machen
und meist sicher sind, im entscheidenden Falle des Kursrückganges alle diese Börsenlaien
mit dem Verlust hereinfallen zu lassen, sich selbst aber durch rechtzeitige Kreditkündigung
oder -verweigerung zu decken.
In dieser überspannung der Effektenspekulation durch den Bankkredit liegt einer
der dunkelsten Punkte unserer neueren Kreditentwickelung; die so geschaffenen falschen
Kurfe versetzen die ganze Volkswirtschaft in ungesunde Fieberhitze, erze ugen falsche Vor⸗
stellungen uüͤber alle Preisbewegung, über alle Gewinnchancen und Absatzmöglichkeiten.
Hier liegt der berechtigte Punkt einer Reform des Börsenwesens, der Terminspekulation.
Außerdem sei nun aber noch auf drei Punkte aufmerksam gemacht, durch welche
die steigende Kreditausbildung den gleichmäßigen Gang des Wirtschaftslebens gefährden
kann; es handelt sich um den Zusammenhang des Kredites mit dem Zahlungswesen und
mit den Staatsfinanzen und um den Wechsel der angesammelten unbeschäftigten Leih—
kapitale in den Banken.
Je weiter der Kredit sich ausbildete, desto mehr traten Krediturkunden an die
Stelle des Geldes. Je mehr die Geschäfte und zumal die mit Kredit gemachten sich
häuften, desto mehr wurden alle Zahlungsverbindlichkeiten auf Tag und Stunde, auf
Wochen und Monate im voraus festgelegt. Der einzelne Geschäftsmann hält keine
oder nur ganz unbedeutende Kasse. Er hat ein Depositum, ein Konto bei der Baut,
er zahlt durch fie; das gleiche Verhältnis besteht zwischen den einzelnen Banken und
der Centralbank. Alle diese Einrichtungen verbilligen und vereinfachen das Geschäfts—
leben; sie funktionieren glatt und gut, so lange von den Tausenden aufeinander Rech—
nenden jeder pünktlich zahlt, und so lange für etwaige Ausfälle die Barvorräte der
Banken ausreichen. Je gespannter aber die Kreditkette ist, desto leichter kann eine kleine
Zahlungseinstellung selbst große und jedenfalls kleine Häufser in Verlegenheit bringen. Je
leichtsinniger die Banken vorher aus Gewinnsucht Kredit gaben, desto weniger können sie
zweifelhaften, oft nicht mal den größten und besten Firmen im Moment das nötige
Veld zu Zahlungen schaffen. Und wenige Zahlungsunfähige ziehen dann Dutzende und
Hunderte, die alle nur fallen, weil ihre Eingaͤnge ausblieben, mit ins Verderben.
Je befser die großen Centralnotenbanken und ihre Diskontopolitik fungieren, desto
weniger ist Derartiges zu fürchten. Ganz läßt sich aber diese Gefahr nie beseitigen.
Am wenigsten, wenn die großen Banken in enger Fühlung mit den Staatsfinangen
stehen. Diese verfügen zeitweise über sehr große Kapital, und Geldmengen, die sie
gern zinsbar anlegen; sie haben andererseits oft auch schnell große Summen nötig, die
sie in bankmäßiger Form aufnehmen und so die Bankreservoire leeren. Dadurch
können unerwartete Eingriffe in den Kapitalmarkt entstehen; dadurch kann der Zinsfuß
plötzlich sehr verteuert oder sehr verbilligt werden, ohne daß im Markt, in der Pro⸗
duktion, in dem Absatz liegende Gründe vorhanden wären. Vollends ein Stanuts
bankerott, ein Kriegsausbruch mit sehr starken Kapitalansprüchen werden die ganze