476 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —(1934
Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Doch ist auch für diese Zusammenhänge zu
bemerken, daß eine volkswirtschaftlich hochstehende Staatsleitung die entsprechende Rück—
sicht auf den Kapitalmarkt in allen gewöhnlichen Fällen wohl nehmen kann, ja daß sie
sogar bedrängten großen Banken durch Darleihung überflüssiger, hiedurch nicht gesähr—
deter Staatsgelder in der Zeit der Krisis im Gesamtinteresse helfen kann.
Die Ansammlung des gesparten Kapitals in den Banken ist ein großer Fortschritt,
aber sie hat die Folge, daß in den Zeiten der Depression der kaufmännische Zinsfuß
auf ein Prozent oder gar weniger sinkt. Ein englisches Sprichwort sagt: alles kann
John Bull ertragen, aber wenn der Zins unter ein Prozent sinkt, wird er toll. Ganze Theorien
wurden aufgestellt, die die Krisen ausschließlich auf dieses Sinken des Zinsfußes oder gar
auf zu starke Kapitalbildung überhaupt zurückführten. Die zeitweise Kapitalansammlung
ist an sich kein großer Übelstand, sie wird nur einer, wenn die Banken in solcher Zeit
die geringen Gewinne nicht ertragen wollen, wenn sie, um das Geschäft zu beleben,
leichtsinnig oder unvorsichtig Kredit geben, dadurch dann in 1 —3 Jahren ihre Kapi—
talien erschöpfen und nun unter Umständen zu rasch den Zinsfuß erhöhen, auch den
solidesten Geschäften Kredit verweigern müssen. Es handelt sich auch hier darum, daß
die Gewinnabsicht zu sehr entscheidet, wo höhere Gesichtspunkte den Vortritt haben
sollten.
Hier, wie bei allen erwähnten Mißständen, die durch Geld- und Kreditvorgänge
entstehen, und bei aller falschen Preisbildung der Waren handelt es sich darum, daß
das heutige Geschäftsleben zu leicht nur auf den Gewinn der Stunde und des Tages
statt auf die Zukunft sieht. Wenn in einer aufwärtsgehenden Konjunktur alle Konsum—
waren und alle Produktionsmittel, zumal Kohle, Eisen u. s. w., im Preise steigen, ist
das unvermeidlich und richtig; die etwaige Mehrproduktion, die nötige Mehreinfuhr
kann nur so geschaffen werden. Aber nie sollten die preissteigernden Unternehmer weiter
gehen als nötig, stets follten sie sich sagen, daß die Preisstelgerung den Verbrauch ein—
schränkt, daß sie nur ein Segen fürs Ganze ist, wenn sie anhält. Aber das wird
hergessen, weil man nach dem Gewinn des Tages jagt und für die ferneren Folgen
stumpf ist. Mit Betrug, mit Täuschung, mit falschen Bilancen und Nachrichten steigert
man die Preise und treibt so der Krisis zu. Wenn die Preise stets ein richtiger Baro—
meter der Marktlage wären, so wäre ja freilich Derartiges nicht möglich. Wir haben
in der Wertlehre (F 172 und 178) gesehen, daß dem nicht so ist, daß Betrug, Macht-
mißbrauch, Irrtum aller Art auf die Preisbildung Einfluß haben. —
Wenn wir hier die Sünden der Überspekulation und der Preistreiberei betont
haben, so darf man freilich dabei nie vergessen, daß in solcher Zeit Irrtümer und
Leichtsinn fich mit dem Betrug mischen, daß die Preise in den Zeilen des glänzenden
Geschäftsaufschwunges, wie in denen des plötzlichen Niederganges, oft für Moͤnate auch
von Gefühlsstimmungen beherrscht sind, die, auf Selbsttäuschung beruhend, später ganz
unverständlich erscheinen. Die Ansteckung der Massengefühle wirft auch nüchterne
Menschen um, die Gewohnheit, nur auf den Gewinn des Tages zu sehen, macht Tausende
ganz blind. Der Mechanismus des heutigen Verkehrs und der Börse hat diese pfychischen
Krankheiten gesteigert. Die Händler, Unternehmer und Spekulanten der ganzen Erde
sind heute durch den Telegraph verbunden; die einflußreichen derselben versammeln sich
täglich auf den großen Borsen; falsche und richtige Nachrichten stürmen da auf sie ein;
lautere und unlautere Elemente suchen hier für dies und jenes Stimmung zu machen;
ehrliche und bestochene Journalisten suchen hier die Kurse und Preise zu heben, dorit
sie zu drücken. Wochen und Monate lang häufen sich die günstigen Nachrichten, dann
wieder die trüben. Es gehört ungewöhnliche Nüchternheit, große Geistesklarheit, enorme
Geschäfts-, Welt- und Handelskenntnis dazu, um in diesem von Gefühlen und Leiden⸗
schaften aller Art bewegten Massengetriebe stets das Richtige zu treffen. Selbst die
Klügsten lassen sich nicht sowohl über die Bewegungen der Produktion und des Handels
als über ihr Maß käuschen; die große Masse unterliegt fast stets bald den optimistischen,
bald den pessimiftischen Gefühlen, zwischen denen die meisten Menschen unficher hin und
her schwanken. Und naturgemäß ist die Schähung der memals ganz klaren wirtschaft-