Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

9371) Die Haufssebewegung, die eigentliche Krise. 479 
moglich ist, will die Preise weiter treiben; die Verbraucher von Kohle, Eisen und 
Maschinen fürchten, im folgenden Jahre vielleicht nicht genug zu bekommen; sie schließen 
lange Lieferungsverträge zu jedem Preise. In diesem dritten Stadium der Hausse wäre 
Nüchternheit und Kaltblütigkeit am erwünschtesten; sie fehlt meistens. 
Man kommt so in das vierte, letzte Stadium der Hausse; die Bedingungen des 
Aufschwungs sind verschwunden, haben sich in ihr Gegenteil verkehrt. Aber alle Pro— 
duzenten und Händler haben ein Interesse, die Preise zu halten, zumal die Neugründungen 
der letzten Jahre. Sie stecken noch in den Schwierigkeiten des Anfangs, haben teuer, 
oft auch verschwenderisch gebaut, sie können ohne hohe Preise für die abzusetzenden 
Waren nicht gedeihen. Alle an der Haussebewegung Interessierten suchen die Bewegung 
um jeden Preis in der bestehenden Richtung zu erhalten, um ihre Gewinne zu reali— 
sieren. Man verteilt, wenn immer noch neue Unternehmungen gegründet werden, die 
Kapitaleinzahlungstermine über immer weitere Zeiträume; der Kredit wird immer 
stärker angespannt; die Barvorräte der Banken schwinden dahin, die Notencirkulation 
steigt in der Regel, ihr Wechselportefeuille füllt sich übermäßig, lauter Zeichen, daß sie 
zu viel Kredit gegeben. So sank z. B. der Barschatz der Bank von England 1824 - 1828 
von 13,5 auf 1,2 Mill. F, während ihre Noten zugleich von 17 auf 26 Mill. stiegen, 
ihre Wechsel von 2 Mill. im Jahre 1821 auf 12 im Februar 1826 gestiegen waren. 
Statt bloßer Geschäftswechsel kommen Gefälligkeits- und Reitwechsel in Cirkulation, die unter 
dem Schein gemachter Geschäfte kühnhalstgen Spekulanten einen gewagten Kredit ver— 
längern. Die in Zeitgeschäften à la Hausse Spekulierenden lassen sich im sogenannten 
Reportgeschäft von Monat zu Monat einen Kredit geben, den sie immer teurer bezahlen 
müssen; die immer höheren Zinssätze (Keportfätze, Reportwucher) hiefür deuten auf die 
Überspannung des Kredites und der Spekulation klar hin. 
c. Die Einsichtigen haben längst erkannt, daß es nicht so fort gehen könne, 
daß die leichtsinnigen, teilweise betrügerischen Neugründungen fich nicht werden halten 
können. Die Kreditbanken haben große Bestände neuer Aklien, Obligationen, fremder 
Anleihepapiere, die sie nicht mehr los werden; die Lagerhäuser sind mit Waren über— 
füllt; statt auf Bestellung wird auf Konsignation gearbeitet. Die Kurse und Preife 
wollen längst nicht mehr steigen, werden nur durch künstliche Manipulationen gehalten. 
Jetzt genügt der Bankerott einer Bank, einiger großer Industriehäuser und das Karten— 
haus bricht zusammen, die Preise und Kurse fallen rasch, die umlaufenden Wechsel 
werden nicht eingelost, kommen zurück, müssen von früheren Indossanten oder dem Aus— 
steller bezahlt werden. Die Banken kommen in Verlegenheit, müssen, wenn sie es nicht 
vorher thaten, plötzlich ihren Diskont von 8 und 400 auf 7, 10 und 120)0 erhöhen. 
Die Zahlungsunfähigkeit selbst folider Häuser tritt ein, rasch werden die Konkurse von 
Dutzenden, oft von Hunderten von Firmen angemeldet. Die eigentliche Krise ist da. 
Der Unternehmungsgeist bleibt nun um so länger gelähmt, je größer die Entwertung 
und der Schrecken war. Die Geschäftswelt kann sich meift selbst unter schmerzlichen 
Opfern nicht sofort auf den reduzierten Bedarf einrichten. Oft dauert es Monate, oft 
Jahre, bis sich einigermaßen das Gleichgewicht zwischen der gesunkenen Nachfrage und 
der langsam sich einschräukenden Produktion wiederherstellt. Die Leiden konzentrieren 
sich natuüͤrlich auf die Zweige der Volkswirtschaft, die vorher übermäßig sich ausgedehnt 
haben. Aber das allgemeine Mißtrauen erstreckt sich viel weiter, kann auf fast alle 
Zweige der wirtschaftlichen Thätigkeit sich ausdehnen, allerdings auch jetzt wieder in 
immer schwächeren abnehmenden Wellenbewegungen. 
Kommt es nicht zu einer kritischen Katastrophe, zu einer ausgesprochenen Krisis 
mit zahlreichen plötzlich angemeldeten Konkursen und fast gänzlichem Versagen des 
Kredites, oder hat Staats- und Bankhülfe das schlimmste Schicksal wenigstens von den 
größten und einflußreichsten Häusern abgewandt, so ist das Bild ein etwas anderes. 
Aber doch nur in dem Sinne, daß die notwendige Liquidation, das Sinken der Preise, 
die Einschränkung der Unternehmungslust mehr in langsamer, chronischer Weise eintritt. 
Das ist ein Fortschritt, wenn auch manche zweifelhafte Geschäfte sich dann noch einige 
Jahre hinschleppen; so haben z. B. die englischen Konkurse, welche 1871 1875 auf
	        
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