180 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1938
3000 — 7000 jährlich standen, eben weil keine so starke Reinigungskrise in England wie
anderwärts 1873—1878 eintrat, sich bis 1879 gesteigert; sie erreichten damals die Zahl
von 13 130, gingen erst wieder bis 1884 auf 4190 herab.
d. Wir können uns bei der Darstellung der der eigentlichen Krifse folgenden
Depreffionszeit kurz fassen. Sie wird fast immer jahrelang dauern, ob eine akute Krise
ihr voranging oder nicht. Wir haben mit ihrer Schilderung oben (a) begonnen; sie
ist ja die Voraussetzung der beginnenden Aufwärtsbewegung. Sie muß zumal dann
eintreten, wenn das Bedürfnis für Baumaterialien, Maschinen, Verkehrsmittel, Eisen und
Produktionsmittel aller Art gleichsam vorweg in der Hausse auf Jahre hinaus befriedigt
ist. Sie besteht wesentlich darin, daß die bisherige starke Neuanlage von Kapital in
den Industrien der Produktionsmittel aufhört, daß die bestehende derartige Industrie
ihre Produkte nicht in gleichem Umfang und zu gleichem Preise wie in der Hausse ab—
setzen kann, daß entsprechend den Arbeiterentlassungen und Konsumtionseinschränkungen in
den weitesten Kreisen ein Rückgang der Nachfrage entsteht. An gewissen Punkten zeigt
sich nun eine starke, an anderen und so ziemlich überall eine gewisse, sogenannte Über—
produktion. Es ist eine Unterkonsumtion vorhanden, von der man in der Hausse nichts
wußte. Die Überproduktion hatte im dritten und vierten Stadium der Hausse begonnen,
aber man hatte in ihrem Treiben, in ihren durch steigende Preise reglisierten Gewinnen
aicht gemerkt, daß man anfange, den Markt zu überführen. Die Überproduktion ist
nun aber meist doch keine solche, daß sie außer allem Verhältnis zur Möglichkeit des
Absatzes stünde; sie ist nur zu groß für den reduzierten Verbrauch der Depression; sie
zeigt sich wesentlich darin, daß die Produzenten nur mit Verlust verkaufen können, daß
die gestiegenen Kurswerte der Aktien, daß die hoch zu Buch stehenden Neugründungen
bei dem gesunkenen Preis keinen oder einen ganz geringen Gewinn mehr geben.
Wie ist zu helfen? Eine Anzahl der zuletzt gegründeten nicht gut fundierten Ge—
schäfte macht Bankerott; die andern schränken die Produktion ein; sie können es am
leichtesten, wenn sie kartelliert sind. Die Preise fallen, man setzt sie wohl auch seitens
der Kartelle absichtlich, mit Uberlegung herab. Es ist immer die Frage, wie rasch
Derartiges hilft, wie stark die Kontraktion, die nötige Produktionseinschränkung, der
Preisfall sein müssen; durch Preisermäßigung kann man an sich wohl meist neue Be—
dürfnisse wecken; man kann Konsumartikel dadurch in weitere Kreise bringen; aber
die Preisherabsetzung von Eisen und Kohle, von Maschinen und Bausteinen schafft
in solcher Zeit nicht rasch neue Käufer; der Bedarf ist ja für länger gedeckt. Ganz
besonders schlimm gestaltet sich die Depression, wenn zugleich ein erheblicher Teil der
bisherigen Ausfuhr stockt oder gar ganz verloren geht. Ist — wenn auch mit Verlust
und starker Preisherabsetzung — in der Depressionszeit die Ausfuhr zu steigern (wie
4. B. die deutsche Eisen- und Maschinenausfuhr 1900 -1903 und ähnlich schon früher
die Ausfuhr), so ist das eine große Erleichterung. Sie erlaubt, die Arbeiterentlassung
einzuschränken, den mittleren Geschäftsgang annähernd aufrecht zu erhalten.
Man muß in jeder Depression längere Zeit mit geringeren Gewinnen zufrieden
sein; man muß längere Zeit mit ansehen, daß unbeschäftigtes Leihkapital sich sammele.
Man sucht allgemein durch Ersparnisse im Betrieb, durch technische Fortschritte sich zu
jelfen; man dehnt die Geschäftsthätigkeit auf bisher vernachlässigte Zweige aus. Staat und
Bemeinde suchen durch Notstandsarbeiten, Wegebauten und Ahnliches zu helfen. Die
Auswanderung nimmt zu, die Einwanderung ab; die Geburtenzahl sinkt, die Sterblich—
keit steigt. Das Schlimmste ist häufig die allgemeine Mutlosigkeit, die länger anhält,
als die realen Ursachen es nötig machen. Zuletzt kommt allgemein Produktion und
stonsumtion wieder ins Gleichgewicht. Die zunehmende Bevoölkerung ist in das zu
große volkswirtschaftliche Kleid gleichsam hineingewachsen. Die erft recht langfame
neue Kapitalbildung wird wieder stärker, der Kreislauf der Koniunktur beginnt aufs
neue. —
241. Historische Ubersicht der Auf- und Niedergangsbewegungen
der letzten 200 Jahre. Zwar wissen wir von mancherlei Krisen aus der Blütezeit
Hriechenlands und Roims: auch von solchen aus dem Ppäteren Mittelalter und aus