939) Die Handelskrifen vor 1815.
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dem 16. und 17. Jahrhundert; die Aufschwungsperioden der Silberproduktion in Tirol,
Ungarn, Böhmen und Sachsen von 1200 — 1600 erinnern an die kalifornisch⸗australische
und südafrikanische der Neuzeit. Der Aufschwung der Seeschiffahrt, des Sklavenhandels,
des Kolonieerwerbs durch die westeuropäischen Staaten im 16. und 17. Jahrhundert
erfolgte stoßweise; die damit verbundenen Konjunkturenwechsel treten uns in Umrissen
heute noch entgegen. In Holland erzeugte 1634—-1637 der Tulpenhandel eine Speku—
lation schwindelhafter Art, die mit einer Krisis endigte. Die Ausbildung Amsterdams
zum ersten Anlehen- und Aktienmarkt der Welt konnte nicht ohne Übertreibungen
bleiben. Aber deutlicher sahen wir diese Dinge doch erst von 168601740 an.
England hatte 1660 — 1720 einen großen Aufschwung seines Handels, seiner
Marine, seiner Industrie erlebt, in glücklichen Kriegen seine Überlegenheit über Holland
und Frankreich festgestellt; seine Ausfuhr war 1663 — 1780 von 2auf 11 Mill. *
gestiegen. Die Krisen von 1696, 1711, 1721, 1731 -1782 waren die naturgemäße
Folge. Die Preistreiberei und der Aktienschwindel von 1718 — 1720 auf dem Londoner
Markt war relativ blinder und maßloser als je später. Das Lawsche Gründungsfieber
in Paris von 1715— 1720 ging dem parallel. In Deutschland waren die Schwankungen
zwar noch nicht so stark; aber sür den preußischen Staat glaube ich doch 1680 - 1705
eine aufsteigende Konjunktur, 1705 — 1715 Stockung, Not- und Sterbejahre, 1716 — 17856
allgemeine Besserung, 1736 — 1743 wieder Krisis und Stockung, 1745 -1756 nochmals
aufwärtsgehende Konjunkturen nachweisen zu können. Frankreichs gesamter Außen—
handel war von 1716 — 1755 von 200 auf 600 Mill. Fres. jährlich gestiegen und
jank nun in den Kriegsjahren 1755—-1763 wieder auf 400, um bis 17881787 auf
1100 zu steigen. Die Kriegsjahre 1755 — 1763 hatten so große tief einschneidende
volkswirtschaftliche Anderungen erzeugt, sie waren von so großen Münzverschlechterungen
und Preissteigerungen begleitet, und es traten vom Schlufse des Krieges an dann aber—
mals folche Verschiebungen von Angebot und Nachfrage, solche Preisänderungen und
Wechselreitereien ein, daß eine jahrelange heftige Krisis und Geschäftsstockung nicht aus—
bleiben konnte. Hamburg hatte während des Krieges unerhörte Gewinne gemacht, seine
Geschäftsthätigkeit hatte ich rapide ausgedehnt, die Zahl seiner Bankfolien z. B. war
von 3000 -9000 gestiegen; jetzt litt es 1768—1766 auch unter dem Rückschlag neben
Amsterdam am hejtigsten, die Häuserpreise blieben bis 1777 rückgängige. Erst in den
achtziger Jahren begann wieder der Aufschwung.
Die wirtschaftliche Epoche von 1775 -1815 ist bedingt durch den amerikanischen
Unabhängigkeitskrieg, die französische Revolution und die daran sich knüpfenden Kriege
und Verschiebungen im Kolonialbesitz und Welthandel. Einzelne Staaten und Gegenden
erleben einen ungeheuren Aufschwung, andere starken Niedergang und Stockung. Preußen,
Norddeutschland, Hamburg zeigen uns zuerst bis 1806 das Bild einer raschen Ent—
wickelung: der Getreideexport steigt, die Güterpreise gehen rapid in die Höhe; alle
Preise stehen hoch, der Handel nimmt einen Aufschwung wie nie; Luxus und Speku—
lation gedeihen. Freilich nicht, ohne daß es 1799 zu einer heftigen Stockung in
Hamburg kommt, die aber doch rasch vorübergeht und wieder einer Aufwärtsbewegung
bis 1806 Platz macht; von da an tritt für Veutschland mit den ungünstigen Kriegs-
ereignissen der Rückgang ein, der auch nach dem Frieden sich kaum bessert, ja (wie wir
schon sahen) in den zwanziger Jahren durch die reichen Ernten und den stockenden Roh—
produktenabsatz zu einer hestigen landwirtschaftlichen Krise sich steigert. Großbritannien
hat 1763 bis 1772 -1778 wie der Kontinent eine Depression, erschöpft sich dann im ameri—
kanischen Unabhängigkeitskriege vollständig, ist 1788 nach dem Frieden von Versailles
fast vankerott, nur langsam weiß der jüngere Pitt es durch seine Zoll- und Kolonial—
reform wieder zu heben. Dann kommen die napoleonischen Kriege, die neben allerlei
kleinen Handelsstockungen (z. B. 1793, 1799, 1802 und 1810) England einen feltenen
Aufschwung bringen, indem es ihm gelingt, den Handel und die Kolonien fast der
ganzen Welt an sich, zu reißen; aber 1815 erzeugen die Rückkehr zum Frieden und
die damit gegebenen Änderungen eine längere Stockung. Auch Frankreich erlebt 1799,
1804, 1810/11 erhebliche Krisen.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.26. Aufl.