941)] Die Handelskrisen des 19. Jahrhunderts. 483
1884-1887 wieder eine starke Depreffion ohne vorausgegangene eigentliche Krise ein.
Allerwärts in Europa verschärfte die landwirtschaftliche Not die Lage. Erst in den Jahren
1887— 1890 besserten sich die Geschäfte. London und die anderen großen Börsenplätze
übernahmen jetzt zu große Anlehen für die ganze Welt, auch sür halbbarbarische, bankerotte
Staaten, was so lange den Export dahin steigerte, als sie Zinsen zahlten. Als der argentinische
Finanzagent Baring 1890 in London fiel, begann dort keine Krise, aber eine starke
Depression; in den Vereinigten Staaten setzte aber eine große Krise 1893 ein. Man
hatte dort, als der Rückgang 1890 einsetzen wollte, durch den erhöhten Schutzzoll und
starke Silberprägungen eine künstliche Hausse in Scene gesetzt. Um so furchtbarer war
die Krisis: die Zahl der Konkurse 1880 68 700, 1890 188 800 stieg 1898 auf 331422.
642 Banken stellten ihre Zahlungen ein, ein Siebentel des Eisenbahunetzes war bankerott.
In manchen anderen Ländern trat der Tiefstand erst 1894 ein. Von 1895 begann
wieder eine allgemeine Besserung, wenn auch Ende des Jahres eine Art Börfenkrisis
sich einstellte.
Von den Jahren 1875 —18985 könnte man fast sagen, daß sie für alle Kulturstaaten
eine geringere wirtschaftliche Vorwärtsbewegung bedeuteten als 18835—1875. Aber sie
hatten auch geringere Schwankungen der Konjunktur. Daß sie aber nicht fehlten, zeigen die
folgenden Zahlen George de Laveleyes über die in den einzelnen Jahren an den Börsen
der Kulturstaaten durchgeführten Effektenemissionen, die freilich durch die Konversionen,
die Aktiengründung im Anschluß an bestehende Geschäfte u. s. w. viele Posten enthalten,
die nicht neugebildetes und neuangelegtes Kapital bedeuten. Sie betrugen in Mill. Mk.:
1871 12472
1872 10114
1873 8727
1874 3373
1875 1368
1876 2922
1877 6324
1878 3649
1879
2BS.
81
782
288
7524
36
1884 401
1885 2592
1886 53366
1887
88
29
3997
aogn
142
8110
172
42 2008
1893 6318
1894 24252
Y
1895 5224
1896 13376
1897 7676
1898 8432
1899 9016
1900 9492
19001 7948
Dieses Zahlenbild zeigt am deutlichsten die Aufschwungs- und Depresstonsepochen,
zeigt, wie erheblich der Wechsel der Konjunktur — auch ohne große Krisen wie sie 1857
und 1878 stattfanden — war. Ein anderer Barometer ist der Eisenpreis: die Tonne
schottischen Roheisens stand 1878 117 Mk., sank bis 1879 auf 47, bis 1886 auf 40, stand
1890 auf 50, 1894 auf 47 und blieb 18935 —1899 auf 44-47. Rheinisch-westfälisches
Gußroheisen Nr. 1 stand 1886 55 Mk., 1890 94, 1896 - 1899 67-69, 1900 - 1901
93, Dezember 1901 685.
Die neue Aufschwungsperiode von 189521900 war eine in den Vereinigten
Staaten, in Deutschland und Belgien sehr erhebliche, in England, Frankreich und den
anderen Staaten eine gemäßigte, in Rußland eine durch den Schutzzoll künstlich ge—
steigerte. Die Handelsverträge, günstigere Ernten, die wachsende innere Nachfrage, der
Fortschritt der Elektrizitätsanwendung, die wachsende Goldproduktion hatten allerwärts,
zumal in Deutschland, die Bewegung inauguriert, sie blieb bis 1899 immerhin in
gewissen Grenzen. Über den sehr großen Aufschwung der deutschen Produktion seien
nur einige Zahlen angeführt: Deutsche Aus- und Einfuhr 1892-1894 je 7 Milliarden
Mark, 1899 —1901 je 19; preußische Steinkohlenproduktion 1892 65 Mill. Tonuen,
1900 102; Roheisenproduktion 1892 1898 5 Mill. Tonnen, 1900 8,5; deutsche Stahl⸗
produktion 1894 6 Mill. Tonnen, 1899 9,6; nach Eulenburg nahmen zu 1896— 1900:
die Metall- und Maschinenindustrie um 82, die elektrische Industrie um 110, die Bau⸗
gewerbe um 74, die Industrie der Steine und Erden um 510/0; deutsche Aklien—
gesellschaften wurden 1893 95 mit 77, 1899 364 mit 544 Mill. Mk. Kapital begründet;
die deutschen Kreditaktienbanken (von 1000000 Mk. Kapital aufwärts) hatten eigenes
und fremdes Kapital (ohne Accepte) 1893 2636, 1900 5664 Mill. Mk. Die Steigerung
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