Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

34 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Pbrozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [(492 
Art des Handels, die viel weitergehende Arbeitsteilung in ihm, der andere Geist, welcher 
ihn bald vielfach beseelte, die anderen Einrichtungen und Organisationen, welche er sich 
gab, sind nun natürlich nicht ganz neu. Die italienischen Handelsstädte des 15.-17. 
JFahrhunderts, Antwerpen und Amsterdam im 16.—18., England seit der Ausdehnung 
seiner Kolonien und seiner Schiffahrt haben die Anfänge davon geschaffen. Westeuropa 
erlebte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts da und dort weitere Ansätze zu neuen 
veränderten Handelsformen. Aber voll ausgebildet hat sich das neue System erst in 
der zweiten Hälfte desselben. 
Der Sieg der neuen Verkehrsmittel war die Hauptursache. Die Gewerbe— und 
Handelsfreiheit kam hinzu, überall die Sprengung der alten Formen zu erleichtern, der 
aufmannische Erwerbstrieb wurde auf den größeren Bahnen ein viel kühnerer, aber 
auch rücksichtsloserer; er verbreitete sich auf weitere Kreise. Der definitive Sieg der 
Geldwirtschaft, die Ausbildung der Kreditwirtschaft erleichterten das kaufmännische Wagen 
ins ungemessene. Das Anwachsen des Kapitals machte eine Vorratshaltung, Spekulation, 
Wertausgleichung zwischen verschiedenen Orten und Ländern ganz anders möglich als 
früher. Die Heßpeitsche der Konkurrenz, mit ihrer Anfeuerung der Energie, aber auch 
mit ihren Täuschungen, ihrem Betrug, ihren großen Mißbräuchen brachte in den kleinsten 
Laden wie in die größte Bank andere Gepflogenheiten, einen anderen Geist, andere 
Tendenzen. 
Hie wesentliche Folge ist das Zurücktreten der Eigenwirtschaft, ist die Thatsache, 
daß zwischen den weitaus größeren Teil aller Produktion und 'aller Konfumtion 
Handelsvermittler treten, daß der lokale Verkehr zurücktritt gegenüber dem provinziellen, 
dationalen und internationalen, daß neben dem längst bestehenden Handel mit wenigen 
deuren Waren der Massenverkehr mit fast allen wirtschaftlichen Gütern als das wichtigere 
erscheint. Die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge dringen in jede Haus- und Familien- 
wirlschaft, in den abgelegenen Bauernhof, auf das Rittergut, in die kleine Handwerks— 
stätte, wie in die Fabrik, in den Detailladen, wie in das großkaufmännische Geschäft. 
Ein immer steigender Teil aller Güterproduktion geht vom Produzenten zum Kon— 
sumenten in den heutigen Kulturstaaten durch eine sich verlängernde Kette von Zwischen⸗ 
händen und Geschäften; teilweise sind es solche, welche zugleich die Produkte bearbeiten, 
us dem Rohprodukt ein Zwischenprodukt, aus letzterem ein fertiges Gut für den Ver— 
brauch machen, teilweise solche, welche nur die Funktion der Ortsveränderung, der 
Lager⸗ und Vorratshaltung, der Warenverteilung an den Produzenten und Konsumenten, 
der richtigen Preisherstellung besorgen. Immer mehr hängt alle Produktion von dem 
bestellenden Handel, aller Konsum vom anbietenden Detailhandel ab. Ein immer er—⸗ 
heblicherer Teil der entscheidenden Nachfrage nach wirtschaftlichen Gütern geht von den 
Konsumenten auf die Kaufleute über, die durch größere Kenntnis der Produktions⸗ 
quellen, der Waren, der Märkte, des Bedarfs das besser besorgen als die Konfumenten 
selbst. Freilich wird zugleich damit die Maschine der Volkswirtschaft komplizierter, von 
den guten oder schlechten Eigenschaften, den Fähigkeiten, der Gewinnsucht und den 
Fehlern der Händler viel abhaͤngiger als früher. 
Überall handelt es sich um neue Beziehungen zwischen Händlertum, Produzenten 
und Konsumenten, um die Neuordnung der Geschäftsformen, um neue Sitten und 
Gewohnheiten, um neue Handelseinrichtungen und -Organisationen. Wir stehen noch 
mitten in dem chaotischen Ringen um deren segensreiche Ausbildung. Sehen wir das 
einzelne etwas näher an, ehe wir ein Ergebnis ziehen. 
Wir gehen vom alten Gegensatz von Groß- und Kleinhandel aus, der sich heute 
freilich vielsach verwischt, ineinander übergeht, auch statistisch neuerdings nicht mehr 
getrennt gefaßt wird. Preußen hatte 1837 etwa 4000 Großhändler (darunter 868 
für Kredit), 1861 15 167 (602 für Kredit); 1895 werden in den alten preußischen 
Provinzen etwa 7000 Kreditgeschäfte und etwa 80 000 Großhandelswarenbetriebe vor— 
handen gewesen sein, wobei freilich der Getreide-, Vieh-, Holz-, Metall⸗, Woll⸗, Leder— 
handel und ähnliche Geschäftszweige dem Großhandel zugerechnet sind. Der Großhandel 
zeigt gegen früher eine viel größere Specialisierung in den Waren, wie in der Art des
	        
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