184 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s942
des Aktien- und des Bankkapitals ist freilich teilweise eine bloß rechtliche resp. nominelle,
infolge von Umwandlungen und Einverleibungen. Der deutsche Roheisenkonsum war
pro Kopf 1880 51,6, 1880 88,6, 1895 104, 18900 162,5 kg, ein Zeichen, wie sehr die
Haussekonjunktur von der Industrie der Produktionsmittel geführt wurde.
Von 1898 — 1901 erfolgten starke Preiserhöhungen, das Kapital begann zu
mangeln, der Kredit überspannte sich. Im Herbst 1899 begann die Panik in Rußland,
in Ost- und Nordeuropa mangelte das Kapital, der westeuropäische Kredit schränkte sich
stark ein. Die Deutsche Reichsbank erhöhte am 19. Dezember 1899 den Diskont auf
70/0, höher als jemals; das war ein Sturmsignal. Die Kurse begannen im Laufe
von 1900 zu weichen, im Frühjahr 1900 setzte eine vorübergehende Stockung in den
Vereinigten Staaten ein. Oktober 1900 bis Mitte 1901 fielen eine Anzahl deutscher
Hypotheken⸗ und Kreditbanken, sowie Industriegesellschaften. Eine eigentliche Gelde und
Kreditkrisis brach aber nicht aus. Doch steigerte sich Furcht, Unbehagen, Preisdruck,
stursfall noch einige Zeit und ging dann in chronische Depression über, die bis heute
dauert (März 1903). Die Zahl der eröffneten Konkurse, 1896 auf 6190 gesunken, er⸗
reicht 1901 98387; betrügerische und leichtsinnige Handlungen von Bankdirektoren und
Bankbeamten sind zahlreich ans Tageslicht gekommen, wahrscheinlich auch zahlreich ver—
tuscht worden. Der Tanz ums goldene Kalb zerstört stets die Moral und die Nüchtern—
heit der schwächeren Charaktere. Die Löhne sanken, die Arbeitslosigkeit nahm nicht
stark aber immerhin so zu, daß allerwärts Notstandsarbeiten begannen. Zahlreiche Eisen⸗
und Maschinenwerke, welche 1898 — 1899 auf 200 — 800 im Kurs standen, sind auf
100, teilweise auch auf 40 — 60 gefallen; viele, die 1899 noch 10 — 800/0 Dividende
gegeben, mußten 1901 eine solche verweigern. Alle Dividenden sanken sehr bedeutend.
In den Vereinigten Staaten haben die Schutzzölle, die künstliche Vermehrung
der Aktiennotenbanken, die riesenhaften Trustbewegungen von 1900 bis Mitte 1902 die
Lage gehalten; aber der Kredit ist maßlos überspannt, es mangelt immermehr 1902
an Kapital. Ob eine Krise noch kommt, ist nicht sicher; die Depression wird sich ein⸗
stellen, vielleicht wie schon öfter einige Jahre nach der europäischen.
Allerlei äußerliche Ursachen (Ernten, Transvaalkrieg, Chingexpedition) haben mit⸗
gewirkt. Die Grundursachen liegen wie früher darin, daß ein berechtigter Aufschwung
überschätzt, durch Überspekulation, Übergründung, Preistreiberei, durch Schwindel und
Betrug, durch übermäßige Kreditausdehnung über sein in der Natur des Bedarfs, der
Produktivkräfte, des vorhandenen Kapitals liegendes Maß hinauf getrieben wurde und
so einer Depression Platz machen mußte. Sie ist immer sehr viel mäßiger geblieben
als 1873 — 1879, in erster Linie weil unser Bankwesen fester stand, besser organifiert
war, weiter blickte, weil die Kartelle etwas regulierend eingriffen, die maßlose Konkurrenz
hjinderten, weil unsere Staatsleitung die Krife besser begriff als 1873. Wir kommen
darauf zurück.
242. Die bisherigen Krisentheorien und die Krisenlitteratur.
Ehe wir nun zusammenfafsen, was aus unserer bisherigen Darlegung folgt, schicken
wir einige Bemerkungen über die älteren Krisentheorien und die neuere srrisenlitteratur
boraus. Die älteren Theorien beruhten wesentlich auf einer zu geringen Ausdehnung
des Beobachtungsmaterials.
Wir werden sagen können, daß man bis gegen 1700 überhaupt keine wissenschaft⸗—
lichen Vorstellungen uüber die wechselnden Konjunkturen, die Aufschwungs-, Krisen⸗ und
Riedergangszeiten hatte. Man sah die schlimmen Zeiten als Strafe Gottes für mensch—
liche Schlechtigkeiten an. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts kam nun wohl darüber
etwas hinaus; man fing an, die Krisen zu beobachten. Aber der Merkantilismus stand
ihnen zuerst ratlos gegenüber, sah wesentlich nur die fallenden Staatseinnahmen, suchte
durch erhöhte Tarife, strengere Kontrolle zu helfen, so in Preußen 1718 -1720, 1736
-4748, 1765-1772, auch noch 1799. Freilich sehen wir daneben auch die Anfänge
einer gesunden Krisenpolitik z. B. bei Friedrich Wilhelm J. 1713 - 1720, bei Friedrich
dem Großen nach dem 7jährigen Kriege. Und in kluger Weise hat der feine und
klare Beobachter James Steuart die Krisen beurteilt; er sagt: das Gleichgewicht