948) Die älteren Krisentheorien.
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zwischen Angebot und Nachfrage kann kein absolutes sein; die kleinen Schwankungen
stören aber nicht viel, solche Vibrationen gehören zur wirtschaftlichen Entwickelung. In
die großen Störungen aber (Erhöhung der Produktionskosten, Stockung des Absatzes)
muß der „leitende Staatsmann“ regelnd, helfend, Absatz und Luxus ermunternd, Aus—
und Einfuhr beherrschend eingreifen.
Die Krisen und Stockungen von 1780 — 1815 hatten eine lebendige öffentliche
Meinung und eine theoretische Spekulation über das Problem geschaffen. Die erstere
führte das, was man als Überproduktion empfand, auf die Maschinen zurück, klagte
über die zeitweise Arbeiterentlassung. Dieser Auffassung trat die abstrakte Naturlehre
der Volkswirtschaft gegenüber. J. B. Say, James Mill und Ricardo waren
ihre Wortführer. Im einzelnen abweichend, in den Hauptpunkten übereinstimmend
lehrten sie im Anschluß an Tucker und die Physiokraten, daß man in letzter Instanz
ja doch Produkte stets mit Produkten kaufe, daß, wenn allerwärts gleichmäßig mehr
produziert werde, keine Uberproduktion entstehen könne, da das Plus an einer Ware
stets einen Gegenwert in einer anderen finde, daß wenn irgendwo partielle Überproduktion
stattfände, das in einer partiellen Unterproduktion an anderer Stelle oder in zufälligen
äußeren Ereignissen, wie Mißernte und Krieg, seine Ursache habe, daß der als Kapital
verwandte Teil des Einkommens stets den Reichtum des Landes hebe, daß wenn kleine
Absatzstörungen vorkämen, die natürliche Ordnung der Dinge rasch das Gleichgewicht
herstelle. Die Lehre von den „Absatzwegen“ erschien bei Say und seinen Nachsolgern
gleichsam als der Mittelpunkt ihrer ganzen harmonistischen Theorien; sie wollten zu—
gleich mit ihrer Lehre alle Staatseingriffe abhalten, alle Schutzzölle bekämpfen, jener
Forderung entgegentreten, welche die Maschinen im Interesse der Arbeitsgelegenheit
verbiete. Say und Ricardo haben freilich dann bei näherer Untersuchung der Dinge
ihren Gegnern in den späteren Auflagen ihrer Schriften große Konzessionen gemacht, die
ihre optimistische Lehre stark einschränkten. Aber ihre liberalen Nachtreter blieben doch bis
heute in ihren Wegen. Das Richtige an ihrer Theorie war, daß auf die Dauer, nach Jahren
und Jahrzehnten betrachtet, natuürlich Produktion und Konfumtion sich immer wieder
zuletzt die Wage halten; der Streit war nur, ob das Gleichgewicht so leicht, so rasch
sich herstelle, wie groß die Störungen, und was ihre Ursachen seien. Es sei noch bei—
gefügt, daß der Streit sich natürlich nicht darum drehte, ob eine abstrakt-objektive
ÜÄberproduktion möglich sei, d. h. eine folche, welche auch bei billigsten Preisen, günftigster
Einkommensverteilung und normalstem Verkehrsmechanismus nicht Absatz finde. Eine
jolche hat nie irgend jemand angenommen, auch kaum eine solche, die in allen
Zweigen der Produktion ganz gleichmäßig stattfinde; man sah stets, daß die Erscheinung
von einzelnen Zweigen ausgeht; man nannte sie nur eine allgemeine, wenn sie den
größeren Teil der Volkswirtschaft mehr oder weniger in Mitleidenschaft zog.
Die ersten Gegner der Say-Ricardoschen Theorie waren der von R. Owen an—
geregte Malthus und der socialpolitisch fühlende Sismondi, beide nicht so opti—
mistisch, nicht so doktrinär wie Say und Ricardo, beide realistische Beobachter des Lebens.
Der erstere sagt, wie es Übervölkerung giebt, so stellt sich leicht Überproduktion ein,
und zwar durch zu starke Kapitalansammlung in den Händen der Reichen; überall in
der Volkswirtschaft müssen die rechten Proportionen der untereinander verbundenen
Elemente herrschen, und daran fehlt es oft heute. Sismondi klagt die Plan- und
Regellosigkeit der modernen Produftion an, welche partielle Überproduktion erzeugen.
Dem Satze Ricardos, daß wenn Land⸗- und Tucharbeiter beide gleichmäßig ihre Pro—
duktion vermehrten, sie beide untereinander auch das Plus tauschten, wirft er die be—
rechtigte Frage entgegen, ob denn ländliche Arbeiter, wenn es ihnen gut gehe, plötzlich
entsprechend mehr Röcke, Tucharbeiter plötzlich ebensoviel mehr Brote begehrten?
Aber nicht bloß eine partielle, sondern eine allgemeine Nichtübereinstimmung von Pro—
duktion und Nachfrage gebe es; sie folge aus der Ungleichheit der Einkommensverteilung,
dem Lohndruck, dem heutigen System der freien Konkurrenz; das rücksichtslose privat-
wirtschaftliche Gewinnstreben erzeuge leicht eine falsche Produktion, da fie nicht durch den
Bedari, sondern nur durch den augenblicklichen Preisstand und die Gewinnmöglichkeit