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Die Mittel der Krisenverhinderung. 4938
Während man früher die Krisen überhaupt nicht verstand, und auch lange im
19. Jahrhundert sie falsch beurteilte, wird dies mehr und mehr anders. Wir verfstehen
jetzt ihre Ursachen; Staatsmänner, Politiker, Bank- und Kartellleiter, welche die wissen—
schaftliche Litteratur kennen, werden heute jedes Herannahen einer Krise voraussehen
können; die Symptome der Hausse sind heute leicht zu verfolgen. Damit ist eine viel
leichtere Bekämpfung der Übertreibungen gegeben. Die Statistik, der Nachrichtendienst,
die Telegraphen vermitteln eine Übersicht, die früher fehlte. Es wird so auch möglich
werden, das Anschwellen der optimistischen und pessimistischen Gefühle, welches die Be—
wegungen und Krisen so sehr verstärkte, etwas leichter als früher zu bekämpfen.
Von dem heutigen Erwerbstrieb in seiner gesteigerten rücksichtslosen Bethätigung
haben wir oben schon gesprochen; wir haben zugegeben, daß er vielleicht da und dorl
noch zunehme, aber geleugnet, daß er eine unveränderliche Potenz darstelle. Seine
Ausartungen in der Überspekulation, Übergründung, Preistreiberei, in Betrug, Schwindel
und Wucher haben heute schon da und dort nachgelassen. Es gibt heute an den ver—
schiedenen Centralplätzen des Handels, in den verschiedenen Schichten der Beteiligten,
in den verschiedenen Börsen, kaufmännischen Zeitungen ein recht verschiedenes Maß von
Anstand, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Reellität. Sollte es unmöglich sein, das Gute
weiter zu fördern, das Schlechte zu bekämpfen, da wo große Mißbräuche sich zeigen,
durch die Einrichtungen, die an anderer Stelle das Gute gefördert haben, Ähnliches
herbeizujühren? Unser ganzer Band hat fast Kapitel für Kapitel die einschlägigen
Fragen erörtert. Wir haben gesehen, wie man die unlautere Konkurrenz bekämpft, wie
man die Börseneinrichtungen im Sinne des Anstandes zu bessern sucht, wie man die zu
weit gehende wirtschaftliche Freiheit modifiziert. Wir haben gesehen, wie die große
Reform des Notenbankwesens die Mißbräuche zu leichtsinnigen Kreditgebens einschränkte,
wie von 1840 bis heute die Schaffung der großen Centralnotenbanken und ihre tief
einschneidende Diskontopolitik der falschen Hausse Zügel anlegte, die Krifen milderte.
Wir sahen, wie die Mißbräuche der Bodenspekulation und der Hypothekenbanken zu
Reformen führte, die ähnlichen Schwindel in der Zukunft hindern sollen. Wir ließen
offen, ob die Geschäftsführung der Kredit- und Effektenbanken nicht auch künftig einer
regelnden Gesetzgebung unterliegen werde; sie wird vielleicht das Depotwesen, den Äccept—
und Reportkredit gewissen Regeln unterstellen. Die Aktiengesetzgebung hat versucht, die
schlimmsten Gründungsmißbräuche zu hindern. Gewiß bleibt es immer fraglich, wie
weit solche Reformen helfen. Wo alles innerlich faul ist, da werden sie nur äußerlich
die Formen ändern, da wird man alle Vorschriften zu umgehen wissen. Aber wer
wollte allgemein sagen, daß dem so in unseren Kulturstaaten seiß Man wird vielleicht
behaupten können, gerade mit steigendem Wohlstand wachse der Anstand und die Ehr—
lichkeit in Handel und Wandel, wenn diese Eigenschaften nur in Sitte und Recht die
notwendigen Stützen und Hülfen bekommen. Auch das Steigen der Löhne, die Arbeiter⸗
schutzgesetzgebung, unser Arbeiterversicherungs-, Gewerkschafts- und Genossenschaftswesen
wie der Arbeitsnachweis, die Notstandsarbeiten und Ähnliches greifen in dieses Gebiet,
in den moralischen Geist unseres Geschäftslebens, wie in die Krisenwirkungen tief hin⸗
ein. Sismondi hat, wie wir sahen, wesentlich die Arbeiterversicherung als Hülfe gegen
die Krisen verlangt.
Eine Hauptursache für die ganze Art, wie Hausse, Krise und Baisse sich heute
abspielen, ist die Preisbewegung. Fast alle Schäden wären beseitigt, wenn die Preise
sich stets normal, dem wirklichen Bedarf entsprechend bewegten, wenn sie nicht erst zu
hoch stiegen, dann zu plötzlich sänken und zuletzt zu lange lethargisch tief blieben.
Aller Schwindel, alle unreelle Gewinnsucht arbeiet mit künstlichen Preis- und Kurs—
treibereien. Jede bessere Organisation des Marktes bezweckt richtigere Preisbildung, jede
Milderung der zu großen Preiswechfel mildert zugleich die Schäden der Krisen. Tin
richtiger, billiger, gerechter Wert ist slets auch der beste Regulator des wirtschaftlichen
Lebens. Der salsche Wert führt irre, giebt die Möglichkeit zu Mißbrauch, zu Wucher und
Ausbeutung. Und werden wir nicht sagen können, daß da maunches sich gebessert habe,
wahrscheinlich noch mehr sich ändern werde?