Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

957) Staatsgewalt und Klassenkämpfe. Älteste Klassenherrschaft. 499 
Die langsame historische Ausbildung der Staaten und der Staatsgewalt, die 
wechselnde Schwäche oder Kraft der letzteren, sowie die wechselnde Macht und Organisation 
der socialen Klassen erzeugen die verschiedenartigste Gestaltung dieser Grundbeziehungen 
zwischen Staat und Gefellschaft. Wir werden versuchen festzustellen, welches der not— 
wendige oder wahrscheinliche Gang dieser Relationen gewesen ist und künftig sein wird. 
Zu diesem Zwecke und um überhaupt eine empirische Grundlage für unsere Schlüsse zu 
gewinnen, führen wir einen kurzen Umriß der Klaffengeschichte hier vor, so schwierig 
er auch zu geben ist. Er ist für das Urteil der Nichthistoriker unentbehrlich. Wir 
beginnen mit einem Wort über die ältesten uns bekannten Zustände, über die Klaffen⸗ 
verhältnisse vor der griechisch-römischen Kultur. 
Wir erblicken da einen scheinbar unerklärlichen schroffen Widerspruch. Wir sehen 
Zustände mit ganz geringem Klassengegensatze und solche mit härtester Klassenherrschaft. 
In den kleinen älteren socialen Körpern mit primitiver wirtschaftlicher Lebensweise, 
roher Technik, unentwickelter Staatsgewalt herrschen familien- und geschlechterartige 
Beziehungen vor. Es giebt keinen erheblichen Besitz, keine oder nur eine unbedeutende 
Arbeitsteilung; die Häuptlinge, Zauberer, Krieger ragen auch nicht viel, oft mehr in 
der Vorstellung als in Wirklichkeit, als Göttersöhne, von den Geistern Bevorzugte, 
über die anderen empor; alle behandeln sich untereinander im ganzen wie Verwäandte. 
Wo einfache Naturalwirtschaft ohne die Formen der Geldwirtschaft und des Kredites 
noch vorherrscht, wird von dieser älteren Gleichheit der Unkultur, von dem starken Ge— 
meinschaftsgefühl der primitiven Stämme immer ein erheblicher Teil sich erhalten. 
Es wird anders, wo die socialen Körper auf 10000 Personen bis über 1 Million 
anwachsen, wo eine stärkere Herrschergewalt sich bildet, wo größere Viehbesitzer, mächtige 
Priester, tapfere Kriegshäuptlinge emporsteigen. Es bildet sich da unter Umständen 
frühe eine halb geistig-politische, halb technisch-wirtschaftliche Ubermacht einer Minder— 
jzahl, die aber des verschiedensten Gebrauches je nach Rasse, Recht, Sitte, Religion fähig 
ist. Sie führt aber faft stets zu härtestem Gebrauch, oft zu barbarischem Mißbrauch, 
wo ein Stamm, ein Volk höherer Rasse tiefer stehende Rafsenelemente unterwirft, eine 
dauernde Herrschaft über sie begründet. Sobald das der Fall ist, fehlt die natürliche 
Begrenzung aller älteren Klassenherrschaft, die in dem starken Gefühl der Bluts— und 
Geschlechtsgemeinschaft liegt. Da bildet die Vorstellung der Rechtlosigkeit des Fremden, 
des Nichtstammverwandten die pfychologische Grundlage der gesellschaftlichen Zustände. 
Und wir werden so sfagen können, von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag 
sei jeder erhebliche Raffengegensatz mit seinen materiellen und pfychischen Folgen ein 
wichtiges Element der Klassengegensätze für die Staaten, in denen er vorhanden ist. 
Wo solche Zustände vorwalten, bilden sich die ersten starken Herrschergewalten, 
bilden sich große Gegensätze des Besitzes, der Ehre, des Rechtes, entsieht die intensive 
Ausnützung der Unterworfenen, Sklaverei, Kastenwesen und Knechtschaft verschiedener 
Art; es können umfangreiche Eroberungsreiche entstehen, deren Rafsen und Klassen, deren 
Städte und Gebiete in sich keine erhebliche innere Geineinschaft haben, nur durch die 
härteste Gewalt zusammengehalten werden. Daraus erklärt es sich, daß die härtesten 
Klafsengegensätze sich entwickeln. Sie fixieren sich oft für viele Jahrhunderte. Größere 
Staaten find in älterer Zeit nur so möglich; auch ihre Kulturthaten, ihre großen Bauten 
und sonstigen technisch-militärischen, agrarischen Leistungen sind nur denkbar auf dem 
Fußgestell roher Klafsenherrschast, die nur da und dort durch Priesterweisheit etwas 
ermäßigt, oft freilich auch durch engherzigen und bornierten Priesteregoismus verstärkt 
wird. Nicht ohne schwere Kämpfe würden solche meist rein naturalwirtschaftliche Staats- 
und Gesellschaftszustände einst in Asien, Ägypten, Centralamerika begründet, aber einmal 
befestigt, können sie Jahrhunderte lang ohne allzu große Konflikte destehen. Die rohen 
Unterworfenen und Geknechteten fügen sich in naiver Demut den kräftigen, begabten 
Minoritäten, die sie beherrschen, zumal wenn letztere, von Sitte und Priestersatzung 
gebändigt, sich zu großer Mißbräuche der Gewalt enthalten. Strengsie Eheverbote, 
Aufrechterhaltung verschiedener Religion, Sprache, Sitte, getrenntes Wohnen, gänzlich 
verschiedenes Recht scheiden die Regierenden von den Unterworfenen. Aber die gespannte 
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