500 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1958
Klassenordnung wird als gottgewolltes Schickfal ertragen; die Vorstellung der Gleichheit,
ja der Zufammengehörigkeit, fehlt, wie das in späterer Zeit vorhandene Ehrgefühl und
Klassenbewußtsein der Unterdrückten. Vor allem die indischen Zustände sind ein Bei—
spiel hierfür. Die unteren Klassen haben, wo ein solcher Zustand sich fixiert hatte,
oft lange Zeiten hindurch sogar mit Liebe und Treue an ihren Herren gehangen. Unter
dieser Voraussetzung hat Tarde recht, daß große sociale Ungleichheiten leichter ertragen
werden als kleine. Die abnehmende Ungleichheit und ihre schwierige Erträglichkeit tritt
eben erst ein, wo eine Annäherung und Blutsmischung stattgefunden hat, wo eine
andere psychologische Ideenwelt über gesellschaftliche Beziehungen, über Pflichten der
Herrschenden, über die Grenze der Lasten der Beherrschten entstanden ist.
Wir halten uns bei dieser älteren Art roher Klassengegenfätze nicht auf. Wir
wissen auch über die historische fociale Geschichte der älteren asiatischen Völker, ja sogar
Agyptens, der älteren Indogermanen zu wenig Gesichertes. Auch die der heutigen
Natur- und Halbkulturvölker erschließen sich uns erst jetzt nach und nach, und ihre Ver—
gleichbarkeit mit den historischen Völkern bleibt immer etwas problematisch. Wir
begnügen uns zunächst mit dem Versuch, das Nötigste über die Klassengeschichte der
Griechen und Römer, sowie der späteren Völker Mittel- und Westeuropas zu sagen.
246. Die griechischen Klassengegenfätze und Klassenkämpfe. Über
die socialen Verhältnisse der ältesten griechisschen Zeit und des mykenischen Reiches mit
seinem Großkönigtum wissen wir nur, daß diese der pharaonischen entsprechende Monarchie
über fronpflichtige Bauern gebot, daß sie auf dem Eindringen ägyptisch-phönizischer
Kulturelemente beruhte; wahrscheinlich haben die Herrscher den Handel zur See und
mit der Fremde für sich monopolisiert und haben sich auf eine feudale Berufskrieger—
schaft, die sich in und um ihre großen Burgen sammelte, gestützt. Man nimmt an,
die asiatische Wagenkampftechnik habe diese Kriegerschaft erzeugt, und aus ihr sei der
spätere kriegerische Adel hervorgegangen (Max Weber).
Nachher im griechischen Mittelalter (1000 —700 v. Chr.) sehen wir die griechischen
Stämme, die eben noch große Wanderungen und Schiebungen durchgemacht hatten,
ähnlich wie die germanischen Stämme nach der Völkerwanderung, definitiv seßhaft werden;
sie haben zunächst noch die Gliederung in Phylen und Phratrien, d. h. in Geschlechts
und Blutsgenossenschaften; sociale Gleichheit herrscht noch vielfach vor, bei den Dorern
noch im 7. Jahrhundert, als sie dem spartanischen Staate seine definitive Kriegs— und
politische Verfassung geben. Mit der Seßhaftigkeit fallen die größeren Stämme aus—
einander; die lokalen, die Gaugemeinschaften werden die Hauptsache; die kräftigsten der—
selben geben sich unter Führung des kriegerischen Adels in der Stadt einen religiösen,
militärischen, priesterlichen, politischen Mittelpunkt II 8 95). Die kleinen Bauerngüter
von 30—40 Morgen herrschen vor. Aber daneben haben die großen Viehbesitzer, die
Häuptlings- und Königsfamilien, und hauptsächlich die Krieger, die zugleich die Priester
sind, nach und nach einen größeren Grundbesitz erworben, der bis 700 und 600 v. Chr.
immer mehr wächst. Er bildet die wirtschaftliche Grundlage des Adels, während seine
berufsmäßige, die ihm eine gewifse geschlossene Organisation giebt, der Waffendienst ist.
Er schiebt in dieser Zeit das alte, wenig ausgebildete Königtum wie die alte Volks—
versammlung ohne Kampf beiseite, er besetzt in den Gauen und Stadtstaaten ausschließ—
lich den Rat der Alten, er wird in den einzelnen Dörfern zum Schutz(Grund⸗)herrn
und Patron der Kleinbauern. Der Besitzgegensatz bleibt aber ein mäßiger; noch zu
Solons Zeit haben die ganz Reichen etwa 250, die schwer bewaffneten Hoplitenbauern
(der Mittelstand) 100 -5150 Morgen im Durchschnitt (Ed. Meyer). In den meisten
griechischen Gebieten sind große Güter durch die Natur ausgeschlofsen; der steigende
Reichtum des Adels beruhte daher mehr auf Handel, Schiffahrt und Kolonisation, die
im Anfang der Epoche überwiegend in seinen Händen liegen, ohne seine militärischen und
politischen Eigenschaften zu sehr zu ändern. Die Konigsgeschlechter und der Adel zeichnen
sich lange durch hochgemuten Sinn, politischen und ritterlichen Dienst für die Gemein—
schaft aus; Maß zu halten, Gewinn und Neid zu verachten wird ihm immer wieder
eingeschärit; er vereinigt die Vorzüge des Ritter- und Vriestertums in sich; es ist die