Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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Griechische Klaffengeschichte. 
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Homerische Heldenzeit. Edle Abkunft, Schulung und Vermögen sind nach Aristoteles 
die Grundlagen dieser Aristokratie, welche erst von 700 an den Bauern, den städtischen 
Handwerkern, den Krämern, den Matrosen in den zuerst wirtschaftlich aus der alten 
Gebundenheit herauswachsenden jonischen Stadtgebieten als ein übermütiger und sie 
mißhandelnder Herrenstand erscheint. 
Der Handel und das Gewerbe hatten sich zuerst an der kleinasiatischen Küste, 
sowie in Korinth, Megara, Aegina entwickelt; die Kolbniegründung des 8. u. 7. Jahr- 
hunderts schuf neue wirtschaftlich sördernde Verbindungen; die in Lydien zuerst geprägte 
Münze verbreitete fich im 7. Jahrhundert in den Handelsstädten, hob den Wohlstand 
der Kaufleute, Reeder, Gewerbtreibenden sehr. Die AÄdeligen wurden rasch wohlhabender. 
Ein zunehmender Teil der Bauern kam in Schuldabhängigkeit von ihnen. Vie alten 
Formen des aristokratischen Staates, der Blutsgenossenschaften, der Wehrverfassung, des 
Rechtes genügten nicht mehr. Die alten Geschenke für Rechtsprechung entarteten zu Be⸗ 
stechung. Eine steigende sociale Gärung erfüllte das 7. Jahrhundert. Wir hören schon 
in seinem Aufang (um 700) die Klagen des ersten individuellen Dichters, Hefiod, der 
sich auf die Seite der unteren Klassen stellt. Die Idee der Gleichheil lebt noch in den 
alten Blutsverbänden, in der nie ganz beseitigten Volksversammlung, sie reagiert gegen 
die wachsende Ungleichheit. In den sich steigernden Parteikämpfen steht fich nun Arm 
und Reich, stehen der Grund- und Kapitalaristokratie die hörigen Bauern, die Hand— 
werker, die Kaufleute und Matrosen, die zusammen als Demos bezeichnet werden, gegen⸗ 
über. Ein Teil des alten Adels übernimmt defsen Führung. In den reichsten Handels— 
städten wie Milet und Megara kommt es schon zum Bürgerkrieg: hier schlachten die 
Armen schon gelegentlich die Kinder der Reichen massenweise ab. Aber in der Mehrzahl 
der langsamer sich entwickelnden Stadtgebiete gelingt eine große politische, militärische 
und sociale Reform: das dem Stadtstaat naheliegende Ideal einer fürsorgenden, alle 
Verhältnisse ordnenden, die socialen Gegenfätze ausgleichenden Politik entsteht mit diesen 
Kämpfen und wird hier von klugen und starken Thrannen, wie Periander in Korinth, 
dort von weisen großen republikanischen Gesetzgebern wie Solon, die für bestimmte Zeit 
diktatorische Gewalt vom Volk erhalten, durchgeführt. Die meisten dieser Männer 
zgehören den alten Königs- und Adelsfamilien an. Solon, der Aristokrat und vielgereiste 
Großkaufmann, der Bauern- und Arbeiterfreund, ist durch seine Mäßigung, seine Kunst 
der Versöhnung das höchste Idealbild eines solchen Socialreformators. Ihre Thätigkeit 
fällt hauptsächlich in die Zeit von 650 —556; sie führen die größte Zeit Griechenlands 
herauf; fie ermöglichen die Siege über die Perser 880560 und damit den Sieg der 
höheren Griechenkultur über die der Barbaren des Orients. 
Es handelt sich socialpolitisch um den Interessenausgleich zwischen den geldleihenden 
Großgrundbesitzern und den hörigen Bauern, zwischen der am Allen hängenden, doch 
mehr agrarischen und der neuen Handels-, Gewerbe- und Kolonialentwickelung, zwischen 
der alten Zucht und Ordnung und dem neuen Individualismus, zwischen den alten 
Bluts- und den neueren Nachbarverbänden, zwischen der alten und neuen Religion, 
zwischen dem Adelsstaate und dem neuen Staate der gesamten Bürgerschaft. Der Aus— 
gleich erfolgt in dem Sinne, daß nicht mehr Hauptstadt und Adel über das platte 
Land herrschen sollen, daß die großen Sklaven- und Grundbesizzer beschränkt werden, der 
Bauern- und Mittelstand zur Geltung, ja Herrschaft kommen soll, daß der Bauer befreit, ihm 
ein gesicherter Absatz garantiert werden soll. Die Tyrannis ist noch mehr kleinbürger⸗ 
lich und bauernfreundlich als die Reform, z. B. Solons; es sind agrarische Züge in 
der Reform, aber gepaart mit einer geldwirtschaftlichen Forderung des Handels, des 
Verkehrs, mit ganz merkantiliftischen Zuügen, wie Derartiges zumal den jonischen Küsten⸗ 
städten entsprach. 
In Korinth gab der Tyrann Periander den Bauern das dem Adel genommene 
Land, erschwerte aber ihr Hereinziehen in die Stadt. In Lokri verbot Zaleukos allen 
Zwischenhandel, damit der Bauer den Verkauf auf dem Markte behalte. In Athen 
weigerte Solon dem Adel Land zu Neuverteilungen zu nehmen, aber ex hinderte dessen 
Ausdehnung auf weitere Äcker; er hob die auf Grundstücken und Personen haftenden
	        
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