502 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (960
bäuerlichen Schulden auf, verbot jede künftige Schuldknechtschaft, kaufte die in die Fremde
wegen Schulden verkauften Bürger auf Staatskosten zurück. Die volle Rechtsgleichheit
in Stadt und Land wurde hergestellt; jeder Bauer durfte nun in Attika direklt klagen,
hrauchte es nicht mehr durch seinen Patron zu thun. Die Amterzugänglichkeit wurde
an das nach Klassen abgestufte Vermögen geknüpft. Der bäuerliche Mittelstand (die
Zeugiten mit 100 bis 150 Morgen) wurde in Athen zum Dienst der Schwerbewaffneten
verpflichtet; in ihrer Phalanx lag seit dem Zurücktreten des adeligen Reiterkampfes die
militärische Macht des Staates.
Der Kultus wurde verstaatlicht. Die Bauerngottheiten, Dionys und Demeter,
traten in den Vordergrund, in Attika Athena, die Pflegerin des Olbaues und die Schützerin
des Handwerkes. Fremde ließ man in Athen leichter als sonstwo zu; freie Bewegung
jür jeden tüchtigen Mann war die Lofung; aber die Gesetze stellten doch strenge Zucht
und Ehrbarkeit her, und die freie Ausfuhr wurde im Interesse der billigen Ernährung
der Mäfsen für alle Rohprodukte (außer Ol in Attika) untersagt. Die kühne Handels-
und Kolonialpolitik, sowie große Tempel-, Wasserleitungs ꝛc. Bauten, schufen Be—
schäftigung und Verdienst, sfowie für die Verarmten neues Land in den Kolonien; die
Schulen wurden allen zugänglich gemacht. Auch die Besitzlosen mußten in der Flotte
gegen Lohn oder Verpflegung dienen, sie erhielten dafür aber auch Stimmrecht in der
Volksversammlung; den Reichen wurden steigende Lasten, die Schiffsgestellung, das Aus—
richten von Festen und Ahnliches auferlegt. Das Recht wurde aufgezeichnet, nur die
geschriebenen Strafen durften verhängt werden. Das Gerichtswesen wurde vielfach ver—
bessert. Der Friede wurde gesichert, die alte Blutrache zurückgedrängt.
Die Voraussetzung für all' diese Reformen war eine starke, kühn und energisch
gehandhabte Staatsgewalt. Die Monarchie der Tyrannis, überall als Gegner der
Adelsherrschaft entstanden, besaß sie an sich; sie hob in Milet, Korinth, Athen zeitweise den
Staat auf seine wirtschaftliche und politische Höhe. Aber sie konnte sich meist gegenüber
dem Adel und der Volksgunst nicht befestigen. Wo der Freistaat blieb, half die zeit—
weise, oft auf 10 Jahre übertragene Diktatur großer Gesetzgeber und dann die Aus—
bildung des Amtswesens, die verbesserte Amterordnung in den Händen einer immer noch
zroßen Aristokratie. Die Besitzlosen waren noch nicht sehr zahlreich; die rechtliche Gleich—
heit, wie sie Solon und Kleisthenes geschaffen, gaben dem Mittelfstand die Entscheidung;
Stadt und Land hielten sich noch die Wage; die Führung blieb den großen, dem socialen,
demokratischen Fortschritt sich anschließenden Aristokraten wie Themistokles. Die letzten
sdonsequenzen des demokratischen Geistes waren noch nicht gezogen. Und so entsteht in
dem Athen von 5390 —462 das von den edelsten Aristokraten geleitete, aber doch ganz demo—
ratische Gemeinwesen, das die materielle Voraussetzung für das griechische, damals sich
»ildende Staatsideal wurde. Aschylos feiert den Staat als den Inbegriff aller Sitt—
lichkeit; alle Bürger sollen im Staatsgefühl, im Leben für den Staat aufgehen; der Staat
soll seine Thätigkeit auf alle Gebiete erstrecken; er kann es zunächst in dem kleinen
Stadtstaat, in diesem attischen Kantonstaat, der noch als der gottesfürchtigste aller
zriechischen Staaten gefeiert wurde, in dem Solon und Kleisthenes den soeialen Frieden
hergestellt, Peisistratos den Bauernstand geschützt hatte. Themistokles und Aristides
hatten die Flotte, die Seemacht und den von Athen beherrschten Delischen Bund ge—
schaffen, woran sich ein beispielloser wirtschaftlicher Ausschwung knüpfte; er gab der
rasch zunehmenden Bevölkerung, vor allem der städtischen, reiche lohnende Beschäftigung.
Dieses Gleichgewicht der Stände, diese höchste wirtschaftliche Blüte, diese Erhaltung
der Zucht, der Einsicht, der Herrschaft der Fähigften in dem demokratischen Gemeinwesen,
lkonnte sich jedoch nicht allzu lange erhalten. Themistokles, der die Größe Athens begründet,
der einzige, der den Seebund zu einer dauernden Großmacht erheben konnte, wurde 469
verbannt. Die Leidenschaft für Freiheit und Individunalismus steigerte sich, die Geld—
wirtschaft siegte und schuf rasch die größten Vermögensunterschiede; die große Sklaven—
einfuhr erzeugte Großbetriebe, Sklavenherden in den Händen einzelner. Die Volksmenge
purde ärmer und begehrlicher, die bewegliche Stadtbevölkerung entschied allein in der
Volksversammlung. Hatte man früher schon das 10 jährige Archontenamt einjährig, die