y63) Die römische Klassengeschichte bis zur Eroberung Italiens. 505
wurden durch eine Reihe glücklicher Verfassungseinrichtungen immer wieder eingeschränkt.
Unter ihnen steht die 448 geschaffene Censur voran: zwei fünfjährige Censoren schätzten
alle Bürger nach ihrem Vermögen, ordneten die Tribus- und die Vermögensklafsen und
damit das Stimm- und Standesrecht, konnten ohne Widerspruch jeden aus Senat oder
Ritterliste wegen sittlicher Mängel streichen; sie bildeten den Wall gegen Parteileiden—
schaft, den Regulator der Verfassung.
An ihnen scheiterten die wiederholten Versuche der Claudischen Familie und ähn—
licher Parteiführer, den Handel- und Gewerbetreibenden, den Städten, gleichberechtigtes
Stimmrecht zu geben. Die Politik blieb bis tief in das dritte Jahrhundert nach innen
und außen eine Bauernpolitik. Immer wieder schuf man Raum für den Nachwuchs
durch Koloniegründungen; solche von 800, aber auch von 6000, ja 20000 kleinen
Bauernstellen kommen vor. Die Assignationen in den Kolonien dauerten bis 177
o. Chr. fort; die Eroberung des Pothales im 3. Jahrhundert v. Chr. geschah zu Gunsten
der Bauern. Den formalen Höhepunkt der rustikalen Tendenzen bildet die Gesetzgebung
von Licinius Stolo (367 v. Chr.), welche die vom keltischen Einfall niedergedrückten
Bauern heben sollte, über deren Ausführung wir freilich nichts Genaues wissen. Soweit
der Bauer verschuldet ist, darf er die Zinsen vom Kapital abziehen, den Rest in drei
Jahren tilgen; niemand darf vom eroberten Staatsland mehr als 500 Morgen okku—
hbieren, auf die Weide des Staatslandes darf kein Bürger mehr als 100 Stück Groß—
und 500 Stück Kleinvieh treiben; keiner darf in seinem Betriebe mehr als eine
hbeschränkte Sklavenzahl halten, um die Nachfrage nach freier Arbeit nicht sinken zu
lafsen. Sogar Unmögliches setzten die Bauern oft gesetzlich durch, so 342 das Gesetz des
Genucius, das alle Zinsen verbot. Auch als längst neue Tendenzen herrschten, haben
die besseren Staatsmänner an den bäuerlichen Assignationen und der Koloniegründung
zu Gunsten der Kleinbauern festgehalten.
Zwei große Thatsachen legten Bresche in diesen wunderbaren, von Aristokraten
regierten, erobernden Bauernstaat, die enge zusammenhängen: 1. der Gegensatz zwischen
freier und unfreier Arbeit, zwischen der Sklavenwirtschaft der Reicheren (Patrizier und
Plebejer) und der kleinen freien Bauernwirtschaft und 2. der Streit, ob die Eroberungen
uüͤber Italien auszudehnen seien, und ob damit die Handel- und Gewerbetreibenden Macht
und Einfluß in dem agrarischen Gemeinwesen erhalten sollten.
Als Italien bis auf die große Handelsstadt Tarent unterworfen war, zum großen
Teil in der Form gehorchender Bundesgenossengemeinden oder ⸗staaten, mußte die
Frage entstehen, ob der römische Staat dabei stehen bleiben könne. Die Bauernpartei,
die alten aristokratischen Staatsmänner wollten es; die vom Geschlecht der Claudier
geführten Haudelsinteressen drängten weiter auf die Bahn einer erobernden Macht, die
Handel und Reichtum fördern, Untertanenlande gewinnen wollte. Der Konflikt mit
Tarent und seinem Bundesgenossen Pyrrhus 282, die von einigen Sizilianern begehrte
Hülfe 262 drängte auf diese zögernd betretene Bahn. Der erste (282241) und der
weite Krieg (218—202) mit der Welthandelsmacht Karthago war die Folge. Sizilien
und Sardinien wurden schon 241 unterthänige, auszubeutende Provinzen; die Einmischung
in die griechischen und asiatischen Welthändel war die weitere notwendige Konsequenz.
Eine ungeheure Veränderung für den Staat, für die Parteien und Klassen, für die
Volkswirischaft vollzog sich so 282 — 134; aus einem italisch-agrarischen Mittelstaat war
in 150 Jahren das beherrschende Weltreich, die erste Handelsmacht der Erde erwachsen.
Der bessere Teil der alten Aristokratie, an ihrer Spitze das große Haus der Scipionen,
hatte versucht, den ungeheuren Umschwung durch eine Politik der Mäßigung in
zesunde Bahnen zu lenken: nicht Eroberung unterthäniger Provinzen, sondern Bildung
zines von Rom abhängigen Staatensystems, Erhaltung des Mittelstandes und der
Bauern, der alten Beamlenehrlichkeit, Beschränkung der Habsucht des neuen Kaufmanns-—
und Kapitalistenstandes war ihre Losung. Sie erreichten ihr Ziel nicht, weil sie es mit
den Mitteln der alten Verfassung, den Jahresämtern, der Senatsherrschaft, den Volks—
wahlen der Stadt Rom erreichen wollten, während sie, was allein helfen konnte, eine
dauernde Monarchie verabscheuten. Livius erzühlt, man habe schon Seipio Africanus