508 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [966
der Kampf um die Jahresämter die Bewerber, die Wähler, die Staatsverfafsung
korrumpierte. J
Zwei Wege der Anderung öffneten sich; beide führten in ihrem letzten Ziel zur
Monarchie, d. h. wieder zu einer festen Regierungsgewalt. Der eine war der, daß
kühne und groß angelegte Abkömmlinge der Aristokratie, wie die beiden Gracchen (184
und 121), Livius Drusus (91), Sulpicius (88) und zuletzt Julius Cäsar in seiner ersten
Zeit (60) und neben ihnen die entarteten Demagogen wie Cinna und Catilina ver—
suchten, aus den Gegnern der alten Senatsaristokratie (Kittern, Bauern, hauptstädtischem
Proletariat) eine starke populäre Bewegungspartei zu schaffen, um mit ihr große sociale
Reformen durchzuführen. Diese Zusammensassung heterogener Klassen war aber in dem
freien Verfaffungsstaat nur möglich durch gefährliche Lockmittel, durch noch gefährlichere
xtrem demokratische Verfassungsänderungen, teilweise sogar nur durch Gewaltmiltel wie
Brutalisierung der Volksversammlung. Die kühnsten Demokraten wie die Gracchen
und die weitsichtigsten Konservativen wie Drusus, standen an der Spitze dieser gewaglen
Bewegungen. Ihre socialen Grundziele waren berechtigt: Hebung und Wiederherstellung
des Bauernstandes, Neugründung von Kolonien, Verwendung der Staatsdomänen für
die kleinen Leute statt für die großen, Erleichterung der Schuldner, Ausdehnung des
Bürgerrechts auf die Italiker ꝛc. Aber sie mußten, um diese Ziele zu erreichen, die
Publikanen und Ritter auf ihre Seite ziehen durch die verderbliche Einräumung der
Richterstellen, durch Herabsetzung der Steuerpachten, durch allerlei Begünstigung, die
wesentlich die Macht dieser Kapitalisten und damit ihre Habsucht, ihren Einfluß
steigerte, ja diese Klasse zu ihrer schlimmsten Entartung brachte. Und sie mußten, um
das hauptstädtische Proletariat zu gewinnen, das Sümmrecht auf die Freigelafsenen
ausdehnen, die Getreidelieferungen zu geringem Preis oder fast umsonst in Rom ein—
führen und so einige hunderttausend Faulenzer zu Staatspensionären machen, sie mußten
Schulderlaß bis zu 8/4 und allgemeine Sklavenbefreiungen versprechen, fie mußten den
Pöbel durch überteure Spiele, Gladiatorenkämpfe, Theater amüsieren und so vollends
diese Demokratie zu jeder gesunden inneren Umbildung verunfähigen. Mit allen ihren
extremen Mitteln brachten es die Führer der Demokratie vor Cäsar zu keinem dauernden
Erfolg, zu keiner festen Macht, zu keiner die Erfolge sicherstellenden Verfassungsänderung.
Sie wagten das Außerste nicht, die Antastung der Republik.
Den anderen Weg schlugen die Generale ein. Seit der Bauernstand zurückging,
und die Eroberung der Welt immer größere oft jahrelang abwesende Heere nötig
machte, hatten die großen reichen Aristokraten, zumal wenn der Senat kurzsichtig
tnauserte, wie schon Scipio Africanus, begonnen, Freiwilligenheere zu sammeln. Spaͤter
verweigerten die Bürger auch vielfach den Dienst. Marius machte dann die Frei—
willigenwerbung zum System; nur noch Besitzlose wurden so geworben, ihre Fechtweise
aber vervollkommnet; dem militärtechnischen Fortschritt stand die sociale Kehrfeite
gegenüber, daß diese Soldheere große Beute, große Geschenke und vor allem Land—
anweisungen bei der Entlassung forderten. Marius, der rohe Volksmann und Bauern—
sohn, wie der geistreich cynische Aristokrat Sulla, der vorsichtige, mit allen Parteien
paktierende Pompejus, wie der geniale demokratische Politiker und Offizier Casar in
seiner späteren Zeit, fie waren alle darin gleich, daß sie zunächst ihre großen Heere nach
den Siegen befriedigen mußten, daß ihre vorübergehende oder dauernde Diktatur, mochte
sie die alte Aristokratie retten wollen oder große sociale und demokratische Anderungen
anstreben, zunächst eine Herrschaft entarteter Soldaten war. Sie schufen damit eine
neue feste, unumschränkte Staatsgewalt, aber auch eine Art Klassenherrschaft: die der
Soldaten. Sie mußten mit so fuͤrchtbaren Konfiskationen und Hinrichtungen beginnen,
daß fie Staat, Gesellschaft, Verwaltung hierdurch vergifteten und verdarben. Erst Cäsat
wagte sich den extremen socialistischen Forderuügen zu widersetzen. Auch so weit die
Senerale gesunde sociale, sowie richtige Verfaffungs- und Verwaltungsresormen durch-
sührten, litten sie unter der Verknüpfung mit der' Militardiktatur und dem Fluch da
Gewalt, dem Fluch der Unterdrückung aller politischen Freiheit.
Aber es war in dem Sumpf der soeialen Klafsenzustände und der Bürgerkriege