967) Der Untergang der Republik durch die Klassenkämpfe. 509
der einzig mögliche Ausweg: je zerklüfteter, materialistischer, genußsüchtiger eine Gesell—
schaft alter und hoher Kultur geworden ist, je bitterere und blutigere Klassenkämpfe sie
durchgemacht hat, desto dringlicher bedarf sie einer Frieden stiftenden, ganz festen un—
erbittlich herrschenden Staatsgewalt. Und Sulla, Cäsar und Augustus, dann die
Imperatoren der ersten zwei Jahrhunderte des Principats verstanden eine solche, und
zwar unter dem Schein der Erhaltung der republikanischen Staatsformen, aufzurichten
und zugleich große fociale und Verwaltungsreformen, soweit sie mit dieser Gesellschaft
noch möglich waren, durchzuführen. Die eigentlichen Klassenkämpfe hörten nun für
einige Jahrhunderte auf. Eine wirtschaftliche und kulturelle Nachbluüte des großen
Reiches kam noch auf 1-2 Jahrhunderte zu Stande. Dann begaunn die volle innere
Auflösung.
Die Epoche des Principats bis 300 n. Chr. des diokletianisch-konstantinischen Kaiser—
reichs bis ins 6. Jahrhundert, zeichnet sich gegenüber der Zeit der Bürgerkriege durch
ein festes Regiment und die Verschmelzung von Italien mit den Provinzen, durch
gleiches Recht für alle aus; zweihundert Friedensjahre, wie sie die Welt weder vorher
noch nachher sah, wurden zunächst durch den Principat geschaffen. Aber während einst
(300-200 v. CEhr;) die Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern die innerliche Ver—
söhnung und das Überragen der Gemeingefuühle, die allgemeine Hingabe an den Staat
gebracht hatten, vermochte der Principat nur die äußere Ruhe, den Schein der Republik
und die Unterdrückung der gröbsten Klassensünden und -brutalitäten zu schaffen. Doch
das war schon viel. Mehr war nicht zu erreichen; das Schlimmste in der ganzen Zeit
der kaiserlichen Verwaltung war die Erbschaft der Klassenkämpfe und Bürgerkriege, der
Tendenzen, des Geistes, den sie geschaffen hatten.
Den allgemeinen Schulderlaß und die allgemeine Neuverteilung des Grundbesitzes,
den seine Partei forderte, hat Cäsar nicht bewilligt und so die Besitzenden von der
Todesangst, die sie seit Marius und Sulla drückte, befreit. Aber die rückständigen
Zinsen wurden niedergeschlagen, die gezahlten vom Kapital abgezogen; eine strenge
Wucher- und Konkursgesetzgebung in Italien und den Provinzen nach Vorbild der
ägyptisch-solonischen durchgeführt, welche jede perfönliche Schuldknechtschaft für künftig
unmöglich machte. Nirgends mehr Massenkonfiskationen und -hinrichtungen, sondern
Versöhnung, gegenseitige Duldung, Amnestie war die Losung. Neue große italische
und überseeische Bauern- und Veteranenkolonisation, aber auf freiem Staatsland oder
gekauftem Boden wurde jetzt und später üblich. Die neuen Kolonistenstellen erklärt
Cäsar für unverkäuflich auf 20 Jahre. Geldgeschenke an die Soldaten hörten nicht auf,
aber Cäsar verdoppelte den Sold, und die besseren Kaiser hielten die Heere möglichst an
der Grenze. Die Überzahl der hauptstädtischen Getreideempfänger (820 000) wurde auf
150 000 wirklich Arme reduziert; bei dieser Zahl sollte es bleiben. Aus einer socia—
listischen Pöbelfütterung sollte eine geordnete Staatsarmenpflege werden. Große Bauten
in Rom und anderwäris follten Beschäftigung geben. Auf den großen Viehgütern
erzwang man wieder die Beschäftigung von einem Drittel freier Arbeiter. Die jähr—
lichen Getreidepreisschwankungen von 1: 10 suchte eine successiv sich ausbildende große
staatliche Annonarverwaltung zu beseitigen. Das Äl zum Salben in den Bädern
wurde umsonst verabreicht. Das Familienleben und die Kinderzahl suchte man zu
fördern, den Luxus zu hindern. Die namenlose Ausplünderung der Provinzen durch
die oligarchischen Vögte und die Publikanen wurde durch die kaiserliche, viel strengere,
kontroklierte Verwaltung, durch die zunehmende Beseitigung der Steuer⸗, Domänen- ꝛc.
verpachtung an die Publikanen, durch die Übertragung italischen Rechtes und italischer
Municipalverfassung, durch die Auswanderung der Italiker in die Provinzen so er—
mäßigt, daß Mommsen darin das wichtigste Mittel sieht, den italischen Kampf der
Reichen mit den Armen zu mildern und auszugleichen. Kein Wunder, wenn gerade in
den Provinzen, in Gallien, Spanien, Nordafrika wieder ein viel größerer Wohlstand
sich zeigte, und sich hier viel länger ein Stand mittlerer und kleiner Bauern erhielt. Aber
auch in Italien blühte im ersten Jahrhundert des Principats der landwirtschaftliche
Fortschritt durch die hohe Technik und Kapitalverwendung einer intenfiven Kullkur