Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

969) Der Principat als Ergebnis der Klassenkämpfe. 511 
Geldgeschäft betreiben. Soweit schädliche Gewinnsucht eine Rolle spielte, war es die der 
Soldaten, des hauptstädtischen Adels, des hauptstädtischen Plebs, die zusammen unter 
Umständen den erledigten Thron an den Meistbietenden verkauften. Die Klassenordnung 
war mehr und mehr nicht sowohl auf den Besitz als auf die Amtshierarchie und die 
mehr und mehr erblich werdenden Berufsunterschiede gegründet, die immer peinlicher 
mit Unterschieden des Titels, der Tracht, der Etikette umkleidet wurden. Niemals 
früher und später hat man wohl in Europa so allgemein an diese Außerlichkeiten der 
Standesunterschiede sich geheftet, sie gehütet, an sie geglaubt wie in jenen Jahrhunderten. 
Die erbliche Scheidung in Stände und Berufe entsprach der sinkenden Bevölkerung, 
der verschwindenden Geldwirtschaft, der wieder überwuchernden Naturalwirtschaft. Die 
große, teure Riesenstaatsmaschine konnte nur noch dadurch bestehen, daß sie die Flucht 
aus den höheren Ständen mit ihren starken Pflichten, wie aus den niedrigen, die mit den 
verschiedensten staatlichen Naturaldiensten belegt waren, durch erblichen, auf Vermögen 
und Personen sich erstreckenden Zwang unmöglich machte (vergl. I. S. 401 -402). 
Das Bild der römischen und vollends der byzantinischen Gesellschaft vom 4. Jahr— 
hundert an, sowie das der entsprechenden Staats- und Wirtschaftsinstitutionen ist gewiß 
kein anziehendes, befriedigendes. Es ist eine Zeit des Niederganges, der Auflösung. 
Die Rasse ist entartet; Ehelosigkeit, Verzweiflung an der Zukunft, Weltflucht, Gleich— 
gültigkeit gegen den Staat herrscht vor. Der äußere Apparat der alten Kultur löst 
sich mehr und mehr auf. Nur neue Säfte, jüngere Rafsen können die Lücken des 
Bauernstandes, des Heeres ausfüllen. Aber das ist andererseits nicht zu leugnen, daß 
überall in der Auflösung des Alten sich schon die neuen Keime einer besseren Zeit 
zeigen: die zunehmende Verbreitung des Christentums und die Ausbildung der römi— 
schen und byzantinischen Kirche, die steigende Ehre der Arbeit, die vordringende Bedeutung 
der liberalen Beruse und des Beamtenstandes, die Ermäßigung der Sklaverei, die Huma— 
nifierung der antiken Rechtsinstitute. Das waren große sociale Fortschritte, die nicht 
durch Klassenkämpfe, sondern im Zusammenhang mit der Auflösung der alten Kultur, 
durch innere sittliche Fortschritte, sowie durch Kirche und Staatseinflüsse sich durchsetzten. 
248. Die mittelalterliche Klafssengeschichte bis ins 15. Jahr— 
hundert. Die feudalagrarischen Klassen, die städtischen. Über die 
Klaffengeschichte der neueren europäischen Volker und ihre Wandlungen und Kämpfe 
haben wir in den Kapiteln über Arbeitsteilung, Eigentumsverteilung, sociale Klassen— 
bildung und Unternehmung (J 88 118 -147) und auch in manchen Kapiteln dieses 
zweiten Bandes, hauptfächlich bei Erörterung der Kapitalrente (K 182 ff.) und des 
Arbeitsverhältnisses (F 203 ff.) sowie in der Einkommenslehre (z. B. 8 229) schon 
manches zu sagen gehabt. Doch bleibt auch für sie das Bedürfnis, das Wichtigste hier 
im Zusammenhang vorzuführen, gerade auch im Gegensatz zur antiken Klassengeschichte. 
Die antike wie die neuere Entwickelung beginnt mit großen naturalwirtschaftlichen 
Staaten (dem mykenischen, merowingisch-karolingischen ꝛc.), die dann wieder mit dem 
Fortschritte zu höherer Kultur und besserer Verwaltung, zum Städtewesen in kleinere 
zerfallen. Äber während hierbei das griechische und römische Königtum rasch ver⸗ 
schwindet, der Republik und einem Adelsregiment Platz macht, hat das germanische 
Königtum sehr frühe einen kräftigeren Charakter. Der Kampf mit Rom, die germa— 
nischen Völkerbündnisse, die großen Flächen Mitteleuropas, die römischen und kirchlichen 
Uberlieferungen der Äntike hatten aus dem germanischen Königtum eine viel intensivere 
Amtsinstitution gemacht; fie schlug so ties, Wurzel, daß die europäische Staatenwelt 
nicht wie die antike, in republikanischer, sondern in monarchischer Staatsform ihre 
wichtigsten Entwickelungsjahrhunderte durchlebte. Zwar sank auch das germanische 
Königlum da und dortk für einige Zeit zum Schein- und Wahlkönigtum herab; in 
Städlen und Stadtstaaten regierten auch im Mittelalter da und dort patrizische und 
populäre Senate. Die oberen Klassen (Priester, Krieger, Großgrundbesitzer, Haͤndler) 
hatten in vielen Staaten die Möglichkeit starker korporativer Organisation und einer 
gewissen Klassenherrschaft. Aber selbst in Italien und Deutschland verschwindet das 
Königtum nicht ganz; in Deutschland setzen sich bald die Territorialfürsten, in Italien
	        
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