Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

495) 
Der Spekulations- und Terminhandel. 37 
vertrags ein Geschäft machen, durch möglichst richtige Vorausberechnung der Preife 
einen Gewinn erzielen wollten. Das sind die reinen Spekulationshändler, die aber 
durch Studium des Marktes und der Konjunktur die Marktmeinung bilden helfen, die 
wirkliche Preisbewegung wejentlich mit beeinflussen. Wollen sie auch nur gewinnen 
durch die Differenz des Ein- und Verkaufspreises, sie stehen alle in einer Kette von 
zusammenhängenden Geschäften, an deren einem Ende eine wirkliche Lieferung, an deren 
anderem eine wirkliche Abnahme stattfindet. Sie allein ermöglichen es, daß jede beliebige 
Warenmenge jeden Moment ge- und verkauft werden kann, daß das im Äugenblick in 
anderen Zweigen der Volkswirtschaft überflüssige Kapital diesem Markt dient, daß ein 
Teil der Gefahr des Preiswechsels den Vorratshändlern abgenommen wird. Das 
Termingeschäft bildet so für den effektiven Haudel eine Art Risikoversicherung; dasfelbe 
hat allein die Arbitragegeschäfte ermöglicht, d. h. Terminverkäufe nach anderen Orten, 
wenn dort der Preis höher steht, Termineinkäufe, wenn er dort niedriger steht, wodurch 
heute die großen interlokalen Preisausgleichungen geschehen, die Inlandspreise in den 
wünschenswerten regelmäßigen Zusammenhang mit dem Weltmarktpreis kommen. 
Wenn am Terminhandel erstens die großen Produktenhändler und Fabrikanten 
(3. B. die großen Landwirte und Müller), zweitens die Vorratshändler selost, drittens 
neben ihnen zahlreiche Kaufleute, Kommissionäre und Makler, die berufsmaͤßig diesen 
Geschäften sich widmen, teilnehmen, so ist das normal; anormal ist es schon, wenn 
viertens die Zahl halbbankrotker, jchwindelhafter Handelsleute, die sogenannten Jobber, 
die ausschließlich der Spekulation leben, sich all zu sehr vermehrt; gefährlich und schädlich 
ist es endlich fünftens, wenn Beamte, Offiziere, Rentiers, Handwerker sich zum Termin⸗ 
handel verführen lassen. Ein gemeinschädlicher, mit allen Mitteln zu bekämpfender 
Mißbrauch ist es, wenn einzelne Teilnehmer der Bbrse durch Erkaufung der Presse, 
durch unwahre Rachrichten und Ahnliches die Preisbewegung fälschen; ebenso wenn 
große Häuser oder Konsortien durch Riesenankäufe sich vorübergehend Monopole schaffen 
(ogenannte Korners, Schwänze). Eine offene Frage scheint es, ob die sogen annten 
Liquidationskassen (Aktiengesellschaften, die als Vermittler in bestimmten Brauchen des 
Spekulationshandels auftreten) vie Termingeschäfte künstlich und übermäßig besfördern. 
J Im ganzen aber scheint es möglich, daß eine richtige Börsenverfassung diese 
Ubelstände zuruͤckdrängt und mildert, ohne das Termingeschäft zu beseitigen. Es stellt 
eine verfeinerte Technik des modernen Lieferungsgeschäfts dar; es enthält eine richtige 
Arbeitsteilung zwischen preisbildendem und vorrathaltendem Handel; es ist ein Ju— 
strument steigender richtiger Berechnung der Zukunftswahrscheinlichkeiten, ein Muͤtel 
der Kontrolle über die wichtigsten Gebiete der Wertbildung, es ist eine Geschäftsform, 
die verbessert, reguliert, ethisiert, aber nicht ganz beseitigt werden kann. 
Auf die anderen Gebiete ver Spekulation hier einzugehen, würde zu weit führen. 
Es sei nur bemerkt, daß es ebenso sehr viele Teile derselben giebi, deren Beseitigung 
oder Einschränkung heute berechtigt erscheint (z. B. die Ersetzung spekulativer, oft 
überstürzter Eisenbahngrundungen durch das Staatsbahnsystem, die Einschränkung der 
Grundstücksspekulativn“ in den großen Städten durch eine weitausgreifende städtische 
Bodenpolitik), wie andere Zweige des Spekulationshandels, z. B. die spekulative 
Begründung von Aktiengesellschaften durch Gründungs- und Effeklenbanken, volkswirt— 
schaftlich nicht zu entbehren find und richtig ausgeführt segensreich wirken. 
Der stehende Detailhandel, der in offenen Läden und kleinen Gewerbs— 
betrieben die Waren an die Konsumenten verkauft, hat in den zwei letzten Menschen⸗ 
altern sich in den dichtbevölkerten Siaalen Westeuropas wesentlich umgeftaltet. Er hat 
sich in den größeren Orten vielfach weiter als bisher specialisiert: besondere Tabaks-⸗, 
Thee⸗, Kaffee-, Butter⸗, Kaviarhandlungen sind entstanden; er hat sich auf die kleinen 
Städte und das platte Land in ganz anderer Weise als früher ausgedehnt. Indem 
die Eigenwirtschaft und die Vorratshaltung der Familie zurückging, wurden an sich 
viel mehr Geschäfte nötig; wo die Bauspekulation blühte, hat 'sie so viel Läden al— 
möglich im Parterre errichtet, weil damit dine höhere Miete herauszuschlagen war; viele 
größere Produzenten begünstigten die Errichtung kleiner Läden, um durch sie abhängige
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.