Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

518 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[1976 
oben bleibt, ist von da an eine zunehmend engbrüstige und geldgierige Oligarchie 
herrschend. 
Das ganze Jahrhundert der sogenannten Zunftrevolutionen ist übrigens kein solches 
eines großen Klafsenkampfes, sondern das Verlangen eines erstarkten gewerblichen Mittel— 
standes, in der Stadt mitzuregieren, einige kleine Verwaltungsmißbräuche abzustellen; 
Geschlechter und Zünftler haben beide reiche Leute unter fich, denken über Kirche, 
Eigentum, Arbeitsverfassung kaum principiell verschieden. Die Menge der unterhalb der 
Zünfte Stehenden klagt von 18860—1500 ebenso über das egoistische Zunftregiment 
wie die Zünfte vorher über das Patrizierregiment. Wenn eine Staatsgewalt die 
Patrizier und Zünftler in Deutschland versöhnt und für größere Zwecke erzögen hätte, 
würde das tiefe Herabsinken der Städte für mehrere Jahrhunderte haben verhindert werden 
önnen. Die Teilnahme der Städte an den ständischen Verhandlungen der Territorial— 
staaten von 1400 -1700 hat wohl da und dort einiges gebessert. Im ganzen blieb es 
in den deutschen Städten traurig, bis der fortschriltlichste Staat, nämlich Preußen, 
den Augiasftall der oligarchischen Stadtverwaltung von 1700 -1800 ausmistete, Ord— 
nung und Ehrlichkeit wieder herstellte und dann auf dieser Grundlage es möglich 
machte, daß Stein die Städteordnung von 1808 durchsetzte. 
Die von neueren Socialisten auch zu einem proletarischen Klassenkampf aufgebauschte 
Gesellenbewegung, die von 1800— 1600 dazu führte, daß die Gesellenbruderschaften an— 
erkannt, diese oder jene Lohnforderung gebilligt wurde, war mehr ein Streit der Alten 
und Jungen innerhalb derselben Klasse um die Detailfragen der Arbeitszeit, um die 
Güte der Mahlzeiten, um Kneiperei und Verrufserklärung, um Ceremonien und Vereins 
juftiz. Verheiratete Gesellen wurden ja im ganzen grundsätzlich in den Bruderschaften 
nicht geduldet. Fast mit demselben Rechte könnte man die Streitigkeiten über Schüler— 
und Studentenverbindungen als Klassenkämpfe bezeichnen. Nur wo ein verheirateter 
bohnarbeiterstand sich bildete, wie bei den Webern, den Salinen- und Bergarbeitern, 
wurden deren Bruderschaften zu einem Element beginnender Klassenkämpfe. 
249. Die neuere Klassengeschichte bis ins 19. Jahrhundert. 
dönigtum und Landstände. Ritterschaft und Bauern. Die Zeit von 
1400 an charakterisiert sich als die der Auflösung der alten Rechts- und Wirtschafts⸗ 
ormen: die römische Kirche entartet, das Feudalwesen (Grundherrschaft, Ritterdienft, 
Lehenswesen, erbliches Lehensamt) ist nirgends mehr recht fähig, seinen Dienst zu thun. 
Die Geldwirtschaft, der Handel, das staͤdtische Gewerbe nehmen zu ; der überall ein⸗ 
dringende Kredit löst die alten Zustände und Formen auf; die stark wachsende Be— 
oölkerung hat nicht mehr Platz im Rahmen der alten wirtschaftlichen Verfaffung. Das 
alte Recht, die alten Sitten passen nirgends mehr. Der Humanismus, die wieder 
erwachende Philosophie und die Naturwissenschaften, der Individualismus und Ratio— 
nalismus dringen vor, gestalten um, wollen neue Ideale predigen. Eine steigende 
Summe innerer Reibungen (zwischen Stadt und Land, Patrizier und Handwerker, Grund⸗ 
herren und Bauern) und äußerer Kämpfe (zwischen Territorien und bald auch zwischen 
Staaten) um geographische Ausdehnung, um Absatz, um Welthandel und Kolonialbesitz 
drängt auf Verstärkung der herrschenden staatlichen Gewalten. Man versucht den 
neuen Zeitbedürfnissen zunächst in den kompliziert sich ausbildenden Stadtverfaffungen 
1380 -1600), bald aber energischer in den neuen fuͤrstlichen Staaten (1400 -1800) 
zerecht zu werden. Die italienischen Tyrannen, die patriarchisch⸗ständischen deutschen 
Fürsten, Ferdinand von Arragona, das Haus Habsburg in Hfterreich und Spanien, 
die Tudors und Cromwell in England, die Oranier in Holland, die großen franzoͤsischen 
Könige, Kardinäle und Minister von Ludwig XI. bis Lüdwig XIV., nachher die Hohen⸗ 
zollern in Brandenburg-Preußen begründen die neuen Terrlorial⸗ und Rationalstaaten 
nit ihrer starken Furstengewalt, ihren Geldsteuern und Schulden, ihren Beamten, 
Heeren, Flotten und beherrschten Kolonien (vergl. J8 89 und 8 106). Es ist die Zeit 
des Merkantilismus, des aufgeklärten Despotismus, die Epoche, in der zum erstenmal 
der Versuch gemacht wird, große Staaten mit 228 Millionen Menschen zu einem 
Wirtschaftsganzen zu machen, sie durch inneren Verkehr, Arbeitsteilung, Polizei, Wirt—
	        
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