520 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —(1978
gezeigt; in Brandenburg-Preußen sind es die Regenten von 16401786, in Hsterreich
Maria Therefia und Joseph II., in manchen kleinen Staaten einzelne Fürsten und
Minister des 18. Jahrhunderts, die eine segensreiche innere Socialpolitik mit dem
Merkantilismus, teilweise mit einer großen und kühnen auswärtigen Politik zu ver—
binden verstanden.
Mit der griechischen Tyrannis verglichen, hat der aufgeklärte Despotismus seine
geficherte erblich monarchische Basis und eine ganz andere Dauer der Wirksamkeit voraus.
Verglichen mit dem römischen Principat sind seine Leistungen besser und dauernder,
weil er nicht so von brutalen Soldheeren abhängt, nicht einen durch hundertjährigen
Klassenkampf vergifteten Boden vor sich hat, weil er nur das mäßige Klassenregiment
der Stände zu beseitigen, die Völker erst in die Stufe der Geld-, Kapital- und Kredit-
wirtschaft einzuführen hat.
Seine Kehrseite lag in seinem patriarchalischen Ursprung und seiner Verbindung
mit teilweise bereits überlebten kirchlichen und soeialen Gedanken, in seinem geringen
Sinn für politische Freiheit und Verfassungsteilnahme der Bürger. Überall nahm die
staatliche Verwaltungsthätigkeit, die Einmischung des Staates in alle Lebensgebiete,
vor allem in das Wirtschaftsleben, so zu, daß sie bald an eine gewisse Grenze gesunder
Durchführbarkeit ankam. Der Merkantilismus glaubte an seine absolute Fähigkeit zur
Ordnung des Marktes, der Preise, der gesellschastlichen Beziehungen. Indem er überall
bevormundete, lief er Gefahr, das Volk zu entwöhnen, selbst thätig zu handeln. Die
unteren Klassen zumal versanken leicht in träge Indolenz, auch wo oder teilweise gerade
weil die Regierung für sie thätig war.
Der aufgeklärte Despotismus stellte sich zu oft auf den Standpunkt „Alles für das
Volk, nichts durch das Volk“. Er hörte doch immer leicht mehr die Gutsherren, die
staufleute und Fabrikanten, die neuen Bankiers als die kleinen Leute; der volkswirtschaft—
iche Fortschritt, den er im Auge hatte, schien doch zunächst von diesen oberen Zehntausenden
ibhängig. Und in deren Kreis sah man niemals so hochmütig auf den Pobel herab wie
1550 — 1750. Auch Litteratur und Kunst beschäftigten sich wesentlich nur mit den
Honoratioren. Man merkte in deren Kreisen kaum, ob überhaupt und daß vielfach
die Massen an Lebenshaltung, Gesittung, Wohlstand herabsanken; ihre Armuit erschien
als das notwenige Fußgestell der höheren Kultur überhaupt. Man mierkte noch weniger,
daß doch an vielen Stellen Haß, Groll, Unzufriedenheit sich ansammelte. Meist freilich
trugen die unteren Klassen still und stumpf ihr Schicksal, kümmerten sich nur noch um
die dürftigste Notdurft des Tages, um ihre Hantierung. Volksschule, Presse, Litteratur
hatten die Massen noch nicht erreicht. Nur die Kirche kam mit ihnen in Berührung;
aber auch sie war vielfach zu einem Herrschaftsinstrument der Besitzenden entartet. —
Dies der allgemeine sociale Charakter der Zeit. Der specielle ergiebt sich daraus,
daß so sehr Gewerbe, Handel und Geldwirtschaft bis in die erste Hälste des 19. Jahr—
hunderts zunahmen, und so sehr diese Zunahme und ihre Pflege als die Hauptaufgabe
des Merkantilismus erschien, doch die meisten Länder vorwiegend agrarische bis 1800,
cesp. 1850 blieben. Siebzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung blieben landwirt—
chaftlich, gehörten dem platten Lande oder Ackerstädten an (vergi. JS. 267-269).
And deshalb war die sociale Grundfrage der ganzen Epoche, ob und inwieweit die
agrarisch-naturalwirtschastliche Verfassung des Mittelalters mit ihrer Grundbesitzver—
teilung, mit ihrer Betriebsordnung und Arbeitsverfassung sich erhalte oder umgestalte,
wie der Feudaladel, die Bauern, die ländlichen Tagelöhner zu einander stünden, resp. in
ihrer Stellung sich verschöben, wie die vordringende Geldwixtschaft, wie die notwendig
vordringenden besseren intensiveren Betriebsmethoden sociale Änderungen nach sich zögen,
wie den gesamten ländlichen Mittel- und unieren Klassen der geiftige und technisch⸗
wirtschaftliche Fortschritt gelinge, wie das vordringende freie Grundeigentum und die
reie Arbeit, die Geldwirtschaft, der Kredit, die Absahveräͤnderungen von den beteiligten
Klassen gut oder schlecht erfaßt wurden, wer dabei finke oder steige. Die große sociale
Frage der Zeit war von 16001850 die Bauernfrage; die socialen Kämpfe bezogen
ich auf die Bauernerhaltung und »befreiung; die Bauernunruhen und