Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

38 Drittes Buch. Der gesellsthaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. (496 
Vertreiber ihrer Waren zu erhalten. Mit der Gewerbefreiheit legten sich viele Hand— 
werker auf das Ladengeschäft, drängten sich eine Menge läfsiger, oft auch sachunkundiger 
Elemente in den Kleinhandel. 
Man wird so sagen müssen, daß ebenso das praktische Bedürfnis die Zahl der 
kleinen Ladengeschäfte vermehrt habe wie ungünstige und unberechtigte Nebenursachen; 
die sehr starke Konkurrenz und die zu leichte Gründung schufen eine Überzahl von Geschäften. 
Für die altpreußischen Provinzen wird man schätzen können, daß 1837: 47000, 1861: 
82000, 1895: 200000 offene Läden und Detailverkaufsgeschäfte vorhanden waren, 
33, 44 und 77 auf je 10000 Einwohner; von den 647 138 Warenhandelsgeschäften 
Deutschlands (1895) werden etwa 430 000 offene Läden sein; 183 000 waren Kolonial— 
waren⸗, 64000 Schnittwaren-, 150 000 gemischte Warenhandlungen. An Handels— 
betrieben aller Art zählte man 1895 auf 10000 Seelen in Ostpreußen 68, in ganz 
Preußen 138, in Baden 141, am Rhein 160, in Hamburg 384. Die Abstufung zeigt, 
wie mit der Dichtigkeit der Bevölkerung die Handelsvermittelung wächst; diese Relativ— 
zahlen, verglichen mit den obigen über die Detailläden, beweisen, daß die letzteren die 
größere Hälfte aller Handelsgeschäfte ausmachen. Handelsgeschäfte aller Art waren in 
Berlin 1846: 4464, 1890: 40003; damals war der vierzigste, 1890 der achtzehnte 
Einwohner Berlins, also etwa der vierte bis fünfte erwachsene Mann, ein Kaufmann. 
Die Lage der kleinen Geschäfte ist an vielen Orten deshalb eine schlechte, weil sie 
fich zu nahe gerückt sind, weil sie auf einen zu geringen Kundenkreis zu große Spesen 
haben. Sie ist aber auch deshalb mehr und mehr eine gedrückte geworden, weil der 
Großbetrieb mit all' seinen Vorzügen sich naturgemäß auch auf dieses Gebiet warf. 
Die sogenannten Magazine, d. h. Detailläden mit glänzenden Schaufenstern, kauf⸗ 
männischer Leitung und großem Kapital, häufig verbunden mit handwerksmäßiger oder 
hausindustrieller Produktion waren 1820 —50 kaum vorhanden; sie haben sich dann 
rasch verbreitet, spielen heute im Detailverkehr die Hauptrolle. Neben die Kleider-, 
Schuhwaren⸗-, Schirmmagazine traten andere; die alten Eisenwarenläden wurden von 
1860 -80 an Haus- und Küchenwarenmagazine; die Kurzwarenläden wurden Galanterie— 
warenmagazine. Zwischen den Detaillisten und die Fabrik stellten sich die sogenannten 
Engrossortimenter, um die Magazine und Läden mit den Waren aus Dutzenden von 
arbeitsteiligen Fabriken zu versorgen. 
Und wo ein besonders gewitzter Kaufmann an der Spitze eines Damenwaren⸗ 
magazins stand, der über viel Kapital und Kredit verfügte, Reklame und Kunden— 
gewinnung, billigen Einkauf im großen verstand, da entstand das heute so viel— 
besprochene Warenhaus; 1840-60 bildeten sich solche schon in London und Paris, 
seit 1880—1900 folgten sie in den anderen Staaten; fünfhundert soll es jetzt schon in 
Deutschland geben. Die größten verfügen über 3—55000 Angestellte, über ein Kapital 
von 20—40 Mill. Mark, setzen jährlich für 60—120 Mill. Mark ab. Sie haben 
mehr und mehr alle Arten des Detailverkaufs unter einem Dach, in großen Palösten 
vereinigt. Ihr Geheimnis ist billiger Masseneinkauf, großartige Reklame, Anziehung 
des Publikums durch alle möglichen Lockveranstaltungen; sie verkaufen möglichst billig 
zegen Barzahlung, sie führen möglichst wenige Typen der gangbarsten Waren, die zu 
Tausenden hergestellt, sehr billig abzugeben sind. 
Aber auch viele große Specialgeschäfte haben einen ähnlichen Charakter, den des 
kapitalistischen Großbetriebs, angenommen. Sie wie die Warenhäuser haben sich teil— 
weise auf das, durch billiges Postpaketporto und Katalogversendung, ermöglichte Ver— 
sandgeschäft geworfen; bis ins letzte Dorf, bis in die kleinste fernste Provinzialstadt, 
bis in andere Staaten versenden sie täglich Hunderte von Paketen. Neben ihnen 
drücken auf den kleinen Laden die großen Filialgeschäfte, die zuerst in der Hauptstadt 
10— 80 Verkaufsstellen, jetzt oft in anderen Orten bis zu 100 und 200 Filialen besitzen. 
Neben den stehenden Geschäften hat aber auch der Wanderhandel seit 80 Jahren 
wieder außerordentlich zugenommen; nicht bloß weil die liberale Gesetzgebung ihn 
zeitweise besser behandelte, ihn z. B. auch außer Jahr- und Wochenmarkt in die Städte 
eindringen ließ, die Bedingungen für den Hausierschein erleichterte, sondern weil das
	        
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