Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

524 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [982 
frankreich im ganzen während derselben ruhig; im Norden und Osten standen sie gegen 
den Adel auf, als man ihnen weis machte, der König habe es befohlen, und verbraunten 
alle Dokumente ihrer Belastung, häufig mit der Bemerkung, es thue ihnen leid, daß sie 
gegen so gute Seignéurs so übel vorgehen müßten. 
Die Konfiskation des Kirchengutes und der adeligen Besitzungen änderte an der 
social-agrarischen Gestaltung Frankreichs nicht allzu viel; die seudalen Lasten waren 
beseitigt; aber Dorsverfassung, Klein- und Teilpacht, Teilnahme aller kleinen Leute und 
Landarbeiter an der Allmende blieb. Nirgends ein plötzlicher Umschwung zur Großpacht, 
nirgends eine Austreibung von Hunderttausenden von Bauern und Kottern wie in 
England. Heute wie 1789 giebt es in Frankreich ein erhebliches großes, aber meist in 
kleine Pachtungen ausgegebenes Grundeigentum (/8—/2 des Landes); aber über 
2 Millionen Bauern beschäftigen keine fremde Arbeitskraft; sie machen ein Drittel der 
Nation aus; beinahe 5 Millionen Betriebe haben weniger als 10 ha zu bewirtschaften. 
Und deshalb ist Frankreich heute noch mehr ein Land der besitzenden, sparenden Bauern 
und Kleinbürger als der besitzlosen Arbeiter. Dieser Zustaͤnd ist weder durch die 
Revolution noch durch heftige ältere Klafsenkämpfe geschaffen worden. Er ist das Er— 
gebnis der Geschichte, der Monarchie, des Umstandes, daß Frankreich früher niemals 
dauernd von seinem Feudaladel oder von spekulativ kapitalistischen Landwirten so 
beherrscht wurde, daß, wie in England, zu Gunsten einer steigenden Grundrente und 
steigender Großpächtergewinne die kleinen Dorfbewohner in einen besitzlosen Tagelbhner— 
stand verwandelt worden wären. Der technisch-wirtschaftliche Fortschritt war dafür von 
1750 bis zur Gegenwart langsamer als in England. 
Die deutsche agrarische Entwickekung von 1400— 1900 ist dadurch be— 
dingt, daß sie von 1400 -1550 bereits anfing, eine geldwirtschaftlich-kapitalistische zu 
werden, von 1550-1700 aber ein wirtschaftlicher Stillstand, ja teilweise eine Rück— 
bildung zur Naturalwirtschaft eintrat. Im Südwesten, dem Gebiet der kleinsten 
Territorien und der reichsten mittelalterlichen Entwickelung war die 
Bevölkerung von 1200 -1500 fehr gewachsen, die alte Agrarverfasfsung durch Teilung 
im Erbgang, freien Kauf und Verkauf des Bodens, große Verschuldung schon 1450 
wesentlich aufgelöst; in Stadt und Land gab es schon vielfach Besitzlose; der Kleinadel 
war in Verfall. Die kleinen Landesherren und die Grundherren erhöhten die Steuern 
und andere Lasten maßlos. Die religiöse Gärung hatte seit den Tagen der hussitischen 
Bewegung die Lande erfüllt, den Haß gegen die entartete Kirche, gegen Ritterschaft 
und Kleinfürsten gesteigert. Nun kam die große politische Bewegung der Reichsreform 
hinzu. Die Verschuldung an die Juden hatte schon 1440 —1500 vielfach zu Juden— 
vertreibungen, aber nicht zur Ermäßigung der Verschuldung geführt. Die Reichsritter— 
schaft war 1522 aufgestanden, um das Kirchengut zu säkularifieren, sich und die Städte 
direkt unter den Kaiser zu stellen. Die ganze Bauernschaft vom Thüringer Wald bis 
in die Alpen war von 1432 an immer wieder in Gärung und lotale Aufstände 
geraten; jetzt (1525) kam es zum Bauernkrieg, der blutig von den meisten Fürsten 
niedergeschlagen, von den klügsten und besten freilich durch glückliche Reformen vermieden 
oder beendigt wurde (so von Ludwig V. von der Pfalz, von Philipp von Hessen). Seit 
Jahren hatte man den Kampf erwartet; im Bauernsiande lebie noch seine alte Kraft, 
aber auch das Bewußtsein seines Sinkens, seiner Mißhandlung. Warum sollte ihm 
nicht gelingen, was die Schweizer gegen Esterreich und Burgund erreicht? 
Was er forderte, war im ganzen maßvoll. Abgesehen von Schwäarmgeistern, die 
alle Schulden kassieren, alle Lasten beseitigen (in Tirol auch alle Staͤdte aus der Welt 
schaffen) wollten, verlangten ihre Führer politisch ein kaiserliches einheitliches Regiment, 
unter das Bauernschaft, Städte und Adel sich gleichmäßig beugen sollten. Wirtschaft— 
lich verlangten fie a) die Beseitigung der schon halb untergegangenen schädlichen In— 
stitute der Leibeigenschaft, des Todfalles, des Viehzehntens,b) die Verwendung des Korn⸗ 
jehntens zur Pfarrbesoldung und zu Gemeindezwecken unter Schutz gutgläubiger Erwerber 
des Zehntens, e) die Wiederherstellung des alten Rechtes auf freie Jagd, freien Fisch— 
sang und, soweit Kaufrechte nicht entgegenstehen, freien Holzbezug, d) Sistierung in der
	        
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