985) Die deutsche und russische neuere Agrarentwickelung. 527
gebiete, und um das zu hindern griff man mehr und mehr dazu, den Bauern an die
Scholle zu fesseln (ihn leibeigen oder erbunterthänig zu machen), seine Heirat, feine
Zuwendung zu einem Gewerbe von gutsherrlicher Erlaubnis abhängig zu machen.
Nicht oͤhne viele Unruhen und Erhebungen war diese Entrechtung des ostdeutschen
Bauernstandes verlaufen: so 1573 in Krain, Steiermark, Kärnten, 1394-1597 in Ober—
und Niederösterreich, 1619 — 1680 in Böhmen, 1790 —1800 in manchen östlichen Gegenden
wie in Kursachsen und Schlesien. Es waren Verzweiflungsausbrüche ohne große Ideen,
wie sie die bäuerlichen Führer 1825 gehabt. Immer träger, stumpfer, fauler war die
ganze bäuerliche Bevölkerung dabei geworden. Nur langsam brach die Überzeugung
von der Notwendigkeit, sie zu schützen bei den Regierungen sich Bahn; das Steuer- und
militärische Interesse legte es den Fürsten nahe. Den älleren bauernfreundlichen Fürsten
des 16. Jahrhunderts folgten die des 18.: Friedrich Wilhelm J. und Friedrich d. G.
Friedrich Wilhelm III. Naria Theresia und Joseph DV., Friedrich VI. von Dänemark
und Schleswig-Holstein. Sie verboten erst jede Legung von Bauern, jede Ein—
schränkung des Bauernlandes (Preußen 174041807, sterreich 17698—-1848), sie
schränkten die Frondienste zuerst auf den Domänen ein, machten die Domäuenbauern
erblich (Preußen 1779, sserreich 1777), vererbpachteten die Domänengüter (Osterreich
1776 78, Schleswig-⸗Holstein 1766 —87), hoben die Leibeigenschaft, den Gesindezwang
und Schollenpflichtigkeit auf (Preußen 1807, Sachsen 1832—85), suchten endlich die
Privatbauern zu freien Eigentümern gegen Entschädigung zu machen (1811 - 50).
Gerade vei der Einführung der tiefgreifenden bauernrettenden Reform gegen 1800
und bis 18850 gelang es natürlich dem widerstrebenden Adel noch vielfach, seine ent—
gegengefetzten Interessen geltend zu machen, noch viel Land zu erwerben, viele, besonders
kleine Bauern zu legen. Immer bleibt diese Bauernrettung und -vbefreiung die größte
sociale Reform der neueren deutschen Geschichte vor den in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts für die Industriearbeiter ergriffenen Maßregeln. Und sie war im
ganzen eine That des Fürsten- und Beamtentums, fast ebenso dem trägen, widerstrebenden
Bauern als der Majorität des egoistischen Adels abgerungen. Die revolutionären Be—
wegungen von 1789, 1830, 1848 haben wohl da und dort die Reform in Fluß gebracht
und gefördert; aber im ganzen ist sie nicht das Resultat von eigentlichen Klassenkämpfen,
ist nicht etwa da am günstigsien für den Bauern verlaufen, wo der Bauer sich revolutionär
erhob. Die Kehrseite der Reform ist, daß man bei ihr ausschließlich an den Bauern
dachte, nur ihm zu freiem Eigentum, zu einer besseren Wirtschaft verhelfen wollte. Die
große Masse der Kossäten, der Häusler, der Tagelöhner auf dem Lande, die gerade
1750 1850 so sehr wuchs, ging dabei nicht nur leer aus, sondern verlor in Zusammen-
hang mit der Agrarreform Allmendeanteile, Weiderechte, auch manche Besitzrechte; sie
stand nach der großen Umbildung schlechter da als vor ihr, wenn sie auch nicht so
ungünstig behandelt wurde und so tief sank wie in England.
Nur noch wenige Worte seien über die ähnliche Umbildung in Polen und
Rußzland gesagt; die letztere liegt wesentlich im 19. Jahrhundert, gehört aber auch
in diesen Zusammenhang. F
Von Polen sei nur ausgesprochen, daß der Niedergang der koniglichen Gewalt,
die Ausbildung einer habsfüchtigen Adelsherrschaft und die tiefe Herabdrückung des
Bauernftandes die drei wichtigsten inneren Veränderungen des 16.-18. Jahrhunderts
sind; fie haben wesentlich den Untergang des Staates von 1700 - 1815 herbeigeführt.
Der Adel zerfiel in einen kleinen Kreis sehr reicher Magnaten, die alle Genüsse
und Laster Westeuropas bei sich heimisch gemacht, unfähig waren, ein gesundes
republikanisches Aristokratenregiment zu begründen. Die Mehrzahl des kriegerischen
Kleinadels war bettelarm, käuflich, ohne Bildung, ohne iede politische und wirtschaitliche
Fähigkeit.
ch in Rußland (vergl. 1 S. 876 u. 378) sank der noch fast barbarische
aber freie, sehr lose gesiedelte, erst langsam zur Dreifelderwirtschaft übergehende Bauern⸗
stand des 14.—16. Jahrhunderts in der Folgezeit tief herab. Der Zar hatte ihn noch
im 14. Jahrhundert geschützt; im 15. und 16. kam er unter den Adel, die Bojaren