901) Die heutigen Klassen der Unternehmer und der Arbeiter. 533
tums einen sehr verschiedenen Bruchteil des Ganzen aus. Die häßlichen Züge sind da
und dort mehr eine vorübergehende Erscheinung gewifsser Haufseperioden gewesen. Ganz
fehlen sie nirgends. Und die unter dem Drucke des Unternehmerregiments Stehenden
und Leidenden, die Arbeiter, sehen diese Züge natürlich vergrößert, durch einzelne
Skandale und die übertreibende Fama aufgebauscht. Wo die Unternehmer in unbezahlten
Ehrenämtern der Selbstverwaltung thätig sind, haben sie einen edleren humanen
Charakter; ebenso wo Kirche und Religion fie noch beherrscht. Um so schlimmer steht
es, wo sie nur gesellschaftlich glänzen, den Adel und Orden erwerben, durch Equipagen
und Pferde, durch gesellschaftlichen Lurus die Augen auf sich ziehen wollen. In den
Parlamenten haben nur wenige eine große Rolle gespielt; um so mehr suchten sie
durch ihre Beamtenschaft und ihren Anhang hier Einfluß. Die Zahl der Direktoren
und Verwaltungsräte von Aktieugesellschaften, Eisenbahnen, Versicherungsgesellschaften,
die sie in das englische, französische, öfterreichische, nicht ebenso zahlreich in die deutschen
Parlamente brachten, ist groß. Ein erheblicher Teil des verlotterten Feudaladels trat
durch Geldheiraten, Verwaltungsratsstellen und Ähnliches in ihren Dienst. Fähige und
unfähige Söhne und Schwiegersöhne suchten sie, soweit es ging, in das hohe Beamten—
tum, in die Ministerien einzuschieben. Die erheblichste Steigerung ihrer Klassen macht
haben die Unternehmer durch ihre Verbände, deren hochbezahlte Generalsekretäre, durch
die Kartelle und Trusts, durch die Gründung und Beherrschung zahlreicher Zeitungen,
durch große Subventionen, die sie (vor allem in den Vereinigten Staaten) den poli—
tischen Parteien zahlen, sowie durch die persönliche Verbindung der führenden Männer
mit Fürsten, Ministern und Parteiführern erreicht.
Eine ganz einheitliche Klasse, vollends eine mit straffer Disciplin bilden sie aber
nicht. Ihre Mitglieder gehören heute den verschiedensten politischen Parteien, in
Deutschland den Konservativen, der Reichspartei, dem Zentrum, den Liberalen, dem
Fortschritt an. Socialpolitisch gehen sie weit auseinander: die extremsten Scharfmacher
wie die humansten praktischen Socialreformer sind unter ihnen. In Deutschland haben
fie vielfach sich mit dem Feudaladel verbunden, dessen Sitten und Gedanken an—
genommen.
Die Arbeiterwelt der neuen Großindustrie ist so wenig wie die Unter—
nehmerwelt ein einheitliches Ganze mit gleichen Eigenschaften, aber sie schloß sich doch wohl
noch mehr als jene zu einer im ganzen einheitlichen Klasse zusammen. Teilweise schon in
der zweilen und dritten Generation Fabrikarbeiter, teilweise vom Lande kommend, Tage—
löhner⸗ und Kleinbauernkinder, teilweise frühere Gesellen, Kleinmeister-, Handwerker—
kinder, frühere Hausindustrielle, sind die meisten anfänglich nur, wenn es ihnen recht
schlecht ging, in die Fabrik eingeireten. Die Mehrzahl verlor damit den Zusammen⸗
hang mit Heimat, Verwandten, Geistlichem; in schlechten, früher in entsetzlichen Woh—
nungen der Fabrikdistrikte untergebracht, Frauen und Kinder frühe und überlange in
die Fabrik schickend, verloren sie die Gewohnheiten eines fittigenden Familienlebens, ja
es löste sich fur viele Familienwirtschaft und Familienleben fast ganz auf, Die an⸗
strengende, 12— 15 stündige Arbeit der Zeit von 1770 -1850 in den großen Werkstätten
und Fabrikräumen, die noch aller hygienischen Einrichtungen entbehrten, dem Lärm, dem
Staub, der Hitze ausgesetzt, an eine oft ungesunde Teilarbeit gebunden, entarteten viele
körperlich und geistig. Vollends wo jede Volksschule, jeder Einfluß edler Geistlicher
fehite, wo die Armeuverwaltung, wie in England bis 1834, ein Institut wurde, das
dohnzuschüffe an Stelle der Fabrikanten zahlte, wo die Wucht der Krisen alle paar
Jahre 83830 00 der Arbeiter für Monate brotlos machte, da entstand mit der Massen⸗
anhäufung in den Fabrikdistrikten, mit der Massenarbeit in den Fabriken, mit dem
Maͤssenelend, das sich so schroff von den glänzenden Villen der Unternehmer, von ihrem
Reichtum und Luxus abhob, zuerst eine Massenstumpfheit und ⸗roheit, dann ein Massen—
groll, ein Massenneid als Bindeglied, als pfychisch einheitlicher Zug dieser täglich
fich berührenden, von der politischen, geistigen und Bildungswelt der höheren
Klassen ganz geschiedenen Arbeiter. Es fehlte in den ersten Generationen dieser neueren
Entwickelung zwar keineswegs an zahlreichen Versuchen human⸗patriarchalischer Ein—