497) Der neuere Detail- und Wanderhandel. 39
Bedürfnis des Verkehrs ihn da und dort wieder oder überhaupt erst mehr heranrief,
und weil da und dort die Not, die Konkurrenz ihm neue Kräfte in die Arme trieb.
Manche Gewerbe konnten nur so sich Absatz schaffen oder ihn erhalten; Heimarbeiter,
deren bisherige Abnehmer, die städtischen Detaillisten, nun billigere in⸗ und ausländische
Fabrikwaren kausten, wurden zu Hunderten wandernde Vertreiber von ihren eigenen
und ihrer Genossen Waren. Weite Kreise der Kleinfabrikanten halten sich nur durch
Wandervertrieb. In vielen Gegenden ist für zerstreutwohnende Ärbeiter, z. B. die der
Bergwerksdistrikte, die Wanderversorgung mit allerlei Waren, selbst mit Lebensmitteln,
am einfachsten. Der einkaufende, sammelnde Hausierhandel ist da notwendig geworden,
wo der kleine Landmann nicht mehr wegen jedes unbedeutenden Postens auf den Wochen⸗
markt ziehen und einen Tag verlieren will. Zeitweise haben Gesetze und Handelsvertraͤge,
die die fremden Hausierer den einheimischen unbedingt gleichstellten, den Wanderbetrieb
sehr vermehrt. Die preußischen Hausierer nahmen schon 1837—61 von 16000 auf
44 000 zu, am stärksten in der Rheinprovinz mit ihrer dichten Bevölkerung und ihrem
sebendigen Verkehr: nämlich von 2808 auf 8487. Nach der Erleichterung der deutschen
Gewerbeordnung von 1869 stieg 1870 —-82 die Zahl der deutschen Hausierscheine von
136700 auf 227617; 1893 waren es 226364. dDie Zunahme des Absahzes durch
Reisende steht teilweise dem Haufierhandel nahe; die Reisenden mit Mustecn haben
oielfach die Hausierer mit Waren abgelöst, besuchen nicht bloß Geschäfte, sondern finden
auch in den Familien Kundschaft. Legitimationskarten an solche wuͤrden in Deutschland
erteilt 1870 81285, 1898 70018. Neben der enormen Zunahme von 300 auf 5000
stehende deutsche Sortimentsbuchhandlungen im 19. Jahrhundert hat der Kolportage⸗
buchhandel mit jetzt 1248 Geschäften seit den letzten 80 Jahren sich einen rasch steigenden
Absatz erkümpft, er hat in den breiten Massen des Volkes durch sein eifriges Angebot
das Lesebedürfnis geweckt. Einen fliegenden Lebensmittelverkauf duldet man in den
Ven deutschen Städten nicht, in VParis sind 6000 ambulante Straßenverkaufer kon—
zessioniert.
157. Der Handel und die Handelsorganisation. c) Das Resultat
der modernen Entwickelung. Was ist das Ergebnis dieser ganzen Entwickelung?
Nicht daß überall heute zwischen Produktion und Konsum ein Handker oder gar eine
lange Handelskette steht. Wo sie zu entbehren ist, werden auch heute noch mit Recht
diese Kosten gespart. Die Eigenwirtschaft mag in Westeuropa noch 16 bdis 30 Prozent
der Gesamtproduktion ausmachen. Noch heute kaufen viele Hausfrauen vom Bauer
und Gemüsegärtner; der Staai, die Gemeinde, die Aktiengesellschaft bestellen heute wie
früher direkt beim großen Maschinenfabrikanten. Aber sher ist das Netz der Ver—⸗
mittelungen gegen früher außerordentlich gewachsen und verdichtet; die Zwischenhandels
glieder sind vielfach zu komplizierten, langgestreckten Ketten geworden. Ein steigender
Teil der Heimarbeiter, der kleinen und großen Fabrikanten, der Landwirte, ja der
Händler selbst vefindet sich mit seiner Thätigkeit, seinem Verdienst in Abhängigkeit von den
Vermittlergeschästen, zumal von denen, die in den großen Mittelpunkten des Verkehrs
stehen, den weiteften Uberblick, die meisten Verbindungen, die größte Macht haben. Die
Mehrzahl der Konsumenten erhält heute ihren gesamten Bedarf vom Kaufmann. Kon—
sumenten und Produgenten kommen nur durch ein oder zahlreiche Zwischenglieder in
Berührung; beide übersehen mehr und mehr die Verbindungslinie nicht mehr. Die
Iee suchen sie abfichtlich in Unkenntnis derselben zu halten, denn darin liegt ihre
Stärke.
Die meisten alten Schranken des Handels und Verkehrs sind gefallen und mußten
fallen, damit in freier Konkurrenz diese neuen Bindeglieder des Handels und des ganzen
wirtschaftlichen Lebens sich gestallen konnten. Die dange Neubildung mußte die Mehr—
zahl aller Menschen psfychologisch zu etwas anderem machen; sie mußten nun Tag und
Nacht sinnen, billig einzukaufen, leuer zu verkaufen; am meisten trat dieses für alle
Händler ein. Ihr Erwerbstrieb, ihre Energie mußte bedeutend wachsen. Der kluge,
der findige, der pfiffige und rücksfichtslose hauptsächlich kam voran, machte große Gewinne.
Nicht bloß die alten rechtlichen Schrauken, sondern auch die alten sittlichen waren ins