540 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[1998
Aufsteigen, wenn auch auf vielen Quer- und Zickzackwegen, unterstützten, weil sie ihr
Nachdenken förderten, ihren Wissenstrieb hoben, ihren Zusammenschluß und ihre Disci—
plinierung erleichterten. Zu einem abschließenden Urteil über die Socialdemokratie
kommen wir weiter unten (S. 553 ff.).
Hier ist nur noch zu betonen, daß so in der Gegenwart fast wichtiger als die
Existenz der Unternehmer- und der gewerblichen Lohnarbeiterklasse die Art ihrer
Organisation in Korporationen, Fachvereinen, politischen Parteien und die Art des
Geistes ist, der in diesen Verbänden waltet. Dies gilt vor allem von dem Geiste der
deutschen socialdemokratischen Organifation. Sie ist durch ihre führenden Elemente,
ihre philosophischen ÜUberzeugungen, sowie durch die Taktik, die freilich wesentlich mit
durch die Unterdrückungsversuche ihrer Gegner bedingt war, eine alles beherrschende
Weltanschauung, eine Art Religion geworden. Es entspricht das auch dem Bildungs-,
Gefühls-, Ideenniveau der unteren Klassen. Die socialdemokratische Lehre hat die
Bekenner erfaßt, wie es früher nur eine neue Religion that; sie hat etwas wie den
früheren Religionsglauben und Religionshaß erzeugt. Erst ein hohes Bildungsniveau
hat Kulturgemeinschaft und politisches Zusammenwirken mit Andersgläubigen ermög⸗
licht; dem fanatisierten Socialdemokraten erscheint leicht schon jede gesellige Berührung mit
Andersdenkenden als falsch, als sittlich unstatthaft. Zu strammer Centralisation und
Disciplinierung neigen die Menschen einer solchen Kulturstufe an sich; die Führer haben
es verstanden, diese Tendenzen aufs schroffste auszubilden, damit zugleich den Haß, den
Kampfgedanken zu schüren, jedes Verhandeln als Verrat erscheinen zu lassen. Hier
liegt — wie schon erwähnt — die Hauptgefahr der Partei für das Gesamtwohl, die
Haupischwierigkeit für Kompromisse, Annäherungen, Versöhnung.
Im übrigen ist nicht zu vergessen, daß nur ein kleiner Kern der Socialdemokraten
auf diesem Boden steht, daß die steigende wissenschaftliche Bildung der jungen Führer
ihn immer mehr beseitigt, daß die Arbeiterwelt immer mehr in eine Reihe verschiedener
Schichten zerfällt, die teilweise sich bereits gesondert organisiert haben (oben II S. 294 -400),
teils innerhalb der Socialdemokratie in dem Maße eine Sonderstellung einnehmen, wie
sie selbst größer wird. Die Oberschichte der Werkmeister, der Commis, mancher hoch—
bezahlter Arbeiter ist schon heute vielsach selbständig organisiert, die deutschen Buch—
drucker gehorchen der politischen Parteileitung längst nicht mehr ganz. Alle Gewerk—
vereinsbildung fördert die Selbständigkeit der Teile. Die nicht socialdemokratischen
Gewerkvereine werden jetzt (August 1908) wohl schon 7—800 000 Mitglieder zählen.
Die untere Schichte der ungelernten Arbeiter ist fast überall eine Welt für fich, wie die
ländlichen Arbeiter. Sie stimmen wohl teilweise socialdemokratisch, wie es viele kleine
Bauern, Handwerker, Unterbeamte thun, aber sie sind keine „zielbewußten Genossen“.
So ist die Phrase, daß es heute nur ein einheitliches Proletariat gebe, so falsch,
wie daß neben ihm nur die eine Klafsse der Bourgeoisie übrig geblieben sei. Die Mehr—
zahl unserer Gutsbesitzer und Bauern sind so wenig Bourgeois wie die große Mehrzahl
unserer Handwerker und Kleinhändler. Wir haben von der verschiedenen Lebens- und
Klassenstellung dieser Kreise schon gesprochen bei der Einkommensverteilung (II S. 426
bis 429), brauchen das dort Gesagte nicht zu wiederholen. Es sei zu der Thatsache, daß
wir heute etwa 3 Millionen socialdemokratischer Wähler haben, nur noch beigefügt, daß
wir heute 12,5 Millionen wahlberechtigte Personen und etwa ebenso viele Familienväter
haben, daß von den 8 Millionen socialdemokratischer Stimmen vielleicht 2 Millionen
Arbeiter waren, während wir 45 Millionen verheirateter männlicher Arbeiter zählen.
Wir fügen noch bei, daß wir oben ca. 500 000 Unternehmer (also Bourgeois einschließ⸗
lich der Großgrundbesitzer) zählten, die zusammen mit den 8 Millionen socialdemokratischer
Stimmen erst 8,6 von 12,5 Millionen Wahlberechtigten ausmachen.
Das ist die Lehre, daß die Gesellschaft heute nur noch in Bourgeois und Proletarier
zerfalle. Sie wird auch dadurch ganz ad absurdum geführt, daß die höheren Gemeinde—
und Staatsbeamten, die Unterbeamten und die rasch wachsenden Privatbeamten, sowie
die sämtlichen Vertreter der liberalen Berufe (veral. die Zahlen II S. 429) eine der