Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

99) Deutschlands sociale Klassen der Gegenwart. 541 
Zahl nach rasch wachsende, in ihrer ganzen socialen Stellung von den Unternehmern und 
den Arbeitern sich stark abhebende Klasse sind. 
Das Beamtentum war in der Zeit des absoluten Staates in Deutschland und 
vielfach auch anderwärts sogar eine herrschende Klasse; es hat diese Stellung heute 
nicht mehr; mit Recht hat das übrige Volk das Monopol der Klasse und die Sünden 
der Büreaukratie bekümpft. Aber es ist heute noch in vielen Staaten eine wichtige, ja 
ür die Staatsleitung die wichtigste Klafse, besonders wo sie nicht in Abhängigkeit von 
der Feudal- oder Geldaristokratie kam. Wir sprechen von ihren Eigenschaften und ihrer 
politischen Bedeutung noch im folgenden Paragraphen. Zusammen mit den Künstlern, 
Schriftftellern, Journalisten und mit den Privatbeamten werden sie in Deutschland bald 
eine Klasse oder eine Gruppe von Klassen bilden, die 2 Millionen erreicht, die wirt— 
schaftlich zwischen Bourgeois und Arbeitern steht, mit den ersteren die höhere Bildung, 
mit den letzteren das Leben von Gehalt und Arbeitsverdienst gemein hat. 
Sie haben den Vorzug, sich aus den Talenten aller Klassen, mehr als die 
Bourgeoisie, zu ergänzen; ihr geistiger Horizont und ihre sittlichen Traditionen sind die 
des Mittelstandes; sie können in den Klassenkämpfen ein Gegengewicht nach oben und 
unten bilden, nach beiden Seiten Brücke und Vermittelung darstellen. Das Privat— 
beamtentum ist, wie wir schon sahen (oben IS. 278 -79, 16. 436-87), ein Element 
steigender Bedeutung für die Leilung der großen Unternehmungen. Es ist eine Klafse, 
die selbst um gesichertere Lage, besseres Einkommen, höhere Ehre kämpft. Und doch 
wird sie nicht leicht ganz mit der Arbeiterschaft sich identifizieren. Alle diese Dinge 
muß man im Auge behalten, wenn man die heutige Klassenschichtung, hier zunächst vor 
allem die deutsche, richtig beurteilen will. 
Die deuische soriale und politische Entwickelung von 1850 bis zur 
GBegenwart wird im ganzen vor allem dadurch charakterisiert, daß zwei große Be— 
wegungen, die in anderen Staaten 50, 100 und mehr Jahre zeitlich getrennt waren, 
bei uns zusammenfielen, aber jede für sich selbständig, ohne gegenfeitiges Verständnis, 
nebeneinander hergingen. 
Die polilische Geschichte Deutschlands brachte es mit sich, daß die deutsche Einheit 
erst 1866— 70 hergestelli wurde. Es war überwiegend das Werk der Monarchie, des 
Heeres, des Beamtentums, der Elemente, die sich in Preußen auf den monarchisch 
gefinnten Kleinadel stützten, sowie der großen Männer, die Kaiser Wilhelm umgaben. 
Sowohl die Monarchie als die konservativen Kräfte wurden dadurch außerordentlich 
verstärkt, Parlament, Bourgeoisie, Unternehmertum, Demokratie eher zurückgedrängt, 
bwohl man ihnen einige erhebliche Konzessionen machte. Ein wirtschaftlicher und 
— — Bismarckschen 
Regiments. 
Die überrasche wirtschaftliche Entwickelung erzeugte unter dem Einfluß der oben 
— DO ——— welche, geblendet 
durch theoretische, auf auslaͤndischem, ganz anderem Boden gewachsenen Ideale, für die 
historische Größe und Leistung Kaiser Wilhelms und Bismarcks keinen Sinn und kein 
Verständnis haben konnte; die unteren Klassen, bisher dem politischen Leben fremd, 
sahen nur in extremer Demokratisierung des Staates und Socialisierung der eben noch 
kleinbürgerlichen und dann manchesterlich geleiteten Volkswirtschaft das Heil. 
Die zwei denkbar verschiedensten Geistesrichtungen stellten sich so nebeneinander; 
chre Annäherung ist schwer, hat noch nicht viel Fortschritte gemacht. Immer ist schon 
damit viel gewonnen, daß es nicht zum Kampf, zum Aufstand, zur Gewalt kam. 
Furopa und Deutschland haben von 1789-1850 mancherlei blutige sociale Kämpfe 
Jehabt; seither kaum mehr. Darin liegt eine Wahrscheinlichkeit, daß das Ventil der 
ͤffentlichen Meinungskämpfe, die Wahlschlachten ausreichen, um den Frieden zu erhalten, 
nach und nach eine Annäherung zu ermöglichen. Wie einst der preußische Militärstaat 
ind die große deutsche Litteratur sich lange unverstanden gegenüberstanden und doch 
zuletzt sich verschmolzen, so ist auch hier eine Versöhnung denkbar.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.